Theodor Fontane: Effi Briest
Literarische Erörterung

Von
Isabel Heine


Themenstellung

„Also noch einmal, nichts von Hass oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss.“ 
( Theodor Fontane: Effi Briest, S. 265, Z.10 – 16 Reclam- Ausgabe)

Erörtere 
ausgehend vom Beispiel des Duells zwischen Instetten und Crampas in Fontanes Roman „Effi Briest“ die Frage, inwieweit und warum sich die gesellschaftlichen Normen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts geändert haben und welche Auswirkungen dies auf den Umgang mit einem Eheproblem ähnlich dem Effis und Instettens haben würde.


Gesellschaftliche Normen gab es gibt es und wird es immer geben. Diese verändern sich jedoch von Generation zu Generation, von Zeitalter zu Zeitalter. So sind zum Beispiel unsere Werte des 21. Jahrhunderts vollkommen verschieden von denen, die man in der Zeit um 1870 hatte.

1871 wurde das Deutsche Kaiserreich von Wilhelm I gegründet. Es war also die deutsche Kaiserzeit, die natürlich als parlamentarische Monarchie andere Werte und Normen vorgibt als die heutige Demokratie. In dieser Zeit spielt der Roman Effi Briest von Theodor Fontane. Die Hauptpersonen sind Effi Briest und Geert von Instetten.

Eheschließung

Als siebzehnjähriges Mädchen wird Effi Briest aus dem Spiel mit ihren Freundinnen gerissen. Als sie zurückkommt, wird sie mit dem 20 Jahre älteren Baron Geert von Instetten verlobt. Ihre Eltern haben ihren Bräutigam ausgesucht. Sie wird zwar gefragt, aber indem Effis Mutter, Luise Briest, an deren Vernunftgefühl appelliert, hat Effi keine Chance etwas gegen die Hochzeit einzuwenden. Sie akzeptiert die gesellschaftliche Regel, dass sie ohne ihr Einverständnis verheiratet wird. Als eine ihrer Freundinnen sie fragt, ob sie glücklich sei, antwortet Effi: „Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich. Wenigstens denk ich es mir so.“ (20/ 19f.)

Die Gesellschaft gibt hier also schon vor, wie man sich zu fühlen hat, wenn man verlobt ist. Es werden keine Zweifel zugelassen, denn eine Ehe ist das einzig Richtige für ein Mädchen.

Mit Instetten hat Effi „einen Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten“ (17/ 21f.) geheiratet. Für ihn ist sein Ansehen in der Gesellschaft als Ehrenmann enorm wichtig. Dabei gehört die Heirat mit Effi zu diesem Ansehen. Von einem Mann in seiner Stellung, er ist Landrat im Landkreis Kessin, und in seinem Alter wird erwartet verheiratet zu sein. Die Hochzeit - und die Ehe - ist also nur ein gesellschaftliches Ritual, das zu einem ehrenvollen Leben dazu gehört. Liebe spielt für ihn dabei keine Rolle; er ist nur darauf bedacht vor der hohen Gesellschaft eine mustergültige Ehe zu führen. Effi jedoch erwartet eine Ehe, in der „die Liebe zuerst kommt, aber gleich hinterherkommen Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung.“ (33/ 33f.)

Effi ist also mit 17 noch beinahe ein Kind und hat dazu noch einen übermütigen Charakter, der gerne auch bereit ist etwas zu riskieren. Jedoch ist sie auch von einer enormen Liebenswürdigkeit.

Kessin

Ihre Charakterart mag der Grund sein, warum sich Effi in Kessin, wo sie nun mit Instetten lebt, nicht wohl fühlt. Sie langweilt sich sehr, da Instetten oft geschäftlich unterwegs ist und sie in Kessin außer Gieshübler, einem älteren Apotheker, keine Freunde findet.

So kommt es, dass auf Ausritten mit Major Crampas, den Effi später durch Instetten kennen lernt, mehr als nur Freundschaft wird. Mit diesem  Treuebruch macht sie sich vor Instetten, aber mehr noch vor der Gesellschaft schuldig.

Duell mit Crampas und die Folgen

Als Instetten von dieser Affäre zufällig erfährt, sind schon sechs Jahre vergangen und Effi und Instetten leben in Berlin. Instetten trifft daraufhin eine schnelle und für ihn typische Entscheidung: Er fordert Crampas zum Duell heraus.

Dabei fragt er sich nicht eine Sekunde, warum Effi diesen Treuebruch begangen hat. Er hat nie in vollem Umfang bemerkt, wie unglücklich Effi in Kessin war. Er hat ihr nie die nötige Zuneigung und Liebe gegeben, die diese von ihrem Mann erwartet hatte. Jedoch war es ihr durch die gesellschaftlichen Schranken nicht möglich sich aus dieser unglücklichen Situation zu lösen. Einer Frau war es damals nicht gestattet sich von ihrem Mann zu trennen. Es war ein gesellschaftliches Ding der Unmöglichkeit, dass sich eine Frau über ihren Mann stellte und die Trennung verlangte.

Mit Instetten konnte sie über ihre Bedürfnisse auch nicht reden, da diesen nur seine Karriere und sein gesellschaftlicher Ruf interessierte. Um eben diesen zu wahren, fordert er das Duell und tötet Crampas dabei. Er lässt sich von Effi scheiden und nimmt ihr das gemeinsame Kind Annie. Das alles tut Instetten nur, weil es sie Gesellschaft erwartet. Der Ehrenkodex bestimmt, dass man sich in einem solchen Fall duelliert. Er als Ehrenmann hat keine andere Wahl. Er muss, denn „man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm.“( 264/ 25ff.) Er sieht keine Möglichkeit aus dieser Abhängigkeit zu entkommen, auch wenn er Effi noch liebt. Er ist „so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit, eines ihr eigenen heiteren Charmes“, dass er sich in seinem „letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt“ (264/ 10 – 15) fühlt.

Die Gesellschaft aber hat einen Mann von Prinzipien und Ehre aus ihm gemacht und dieses „tyrannisierende Gesellschaftsetwas, das fragt nicht nach Liebe und nicht nach Charme und nicht nach Verjährung“ (265/ 12ff.), sondern fordert das Duell, um die Ehre vor sich selbst und vor allem vor den anderen wiederherzustellen. Das, was der Einzelne eigentlich will, zählt in diesen Gesellschaftsnormen nicht.

Aus den gleichen Gründen, weshalb sich Instetten zum Duell entscheiden muss, wird Effi von der Gesellschaft geächtet. Es interessiert niemanden, dass es Effi in Kessin sehr schlecht ging, sondern es interessiert nur, dass sie Schande über ihre Familie und Instetten gebracht hat. Dass das so ist, entscheidet kein öffentliches Gesetz, sondern die Gesellschaftsnormen.

Man könnte sich fragen, was geschehen wäre, wenn Instetten fremd gegangen wäre. Die Antwort lässt sich leicht am Beispiel von Crampas erklären: Nichts. Crampas geht schon sein gesamtes Eheleben fremd, jedoch interessiert es niemanden, dass seine Frau extrem leidet, übersieht man großzügig und man lässt Crampas weitermachen.

Daran lässt sich erkennen, dass Frauen zu dieser Zeit keine wirklichen Rechte hatten. Sie wurden von Gesellschaftsschranken gefangen und konnten sich nicht gegen diese wehren, ohne geächtet zu werden.

Gegenwart: Emanzipation und veränderte Normen

Gegen diese Unterdrückung haben sich die Frauen unserer Zeit durch die Emanzipation gewehrt. Frauen sind selbstbewusster und erlernen dieselben Berufe, wie ihre Männer. Außerdem hätte sich eine Frau von heute enorm gegen eine solche Ehe wie die von Effi und Instetten gewehrt. Es wäre niemals zu einer Hochzeit gekommen, und wenn doch, hätte sich eine Frau von heute während der Kessiner Zeit längst getrennt.

Für uns sind Scheidungen normal geworden, denn jede dritte Ehe wird geschieden, weil sich die Partner nicht mehr lieben, was im Vergleich zu damals schon ein enormer Unterschied ist, da sich die Partner oft niemals geliebt haben, aber trotzdem ein Leben lang verheiratet waren. Diese extremen Gegensätze sind auch in der Reaktion auf den Treuebruch Effis zu erkennen.

Männer fühlen sich immer noch in ihrer Ehre verletzt, wenn sie betrogen werden. Jedoch enden die Reaktionen auf einen Betrug nicht mehr mit dem Tod des Verehrers der Frau. Es kann zu Handgreiflichkeiten und damit zu Verletzungen kommen, jedoch nicht zum beabsichtigten Tod des anderen. Mord wird heutzutage mit lebenslanger Haft bestraft, egal ob die Ehre verletzt wurde oder nicht. Instetten sitzt nur sechs Wochen im Gefängnis, da der Kaiser in solchen Fällen Ausnahmen macht. Hier erkennt man inwieweit sich die Normen geändert haben.

Wenn sich ein Mann heute bei seiner Frau rächen will, kommt es oft vor, dass er versucht ihr bei der Scheidung alles Geld zu nehmen. Unsere Gesellschaft ist von Geld bestimmt und nicht von Ehrgefühl. Menschen, die Geld haben, besitzen damit auch viel Macht über andere. Um sein Geld zu vermehren, werden auch unehrenvolle, illegale Geschäfte abgewickelt.

Das soll nicht heißen, dass damals Arm und Reich gleich gestellt war. Nein, es gab eine mindestens genauso große Kluft zwischen beiden. Jedoch, auf Instetten bezogen, also auf Männer, die sich den Gesellschaftsnormen anpassen, verhält man sich als Mann mit Geld wie ein Edelmann und tut keine illegalen Dinge.

Am Beispiel Crampas`, der sich nicht viel aus Gesellschaft und Gesetzen macht, für den „ohne Leichtsinn, das Leben keinen Schuss Pulver wert“ ist (144/ 31), kann man erkennen, dass solche Männer in der Gesellschaft nicht so hoch angesehen sind wie ein Instetten. Er ist zwar ein wohlhabender Mann, jedoch verhält er sich diesem Stand nicht angemessen.  Illegales ist damals wie heute etwas Unehrenvolles, denn Werte wie
Ehrlichkeit, Treue... dominierten. 

Heutzutage wird derjenige, der am meisten Geld besitzt, gelobt, egal wie er an diese Besitz gekommen ist, ob legal oder illegal. Das ist keine Norm, jedoch wird unsere Gesellschaft davon geprägt. Werte wie Ehre, Treue, Ehrlichkeit, Würde und Tradition sind in unserer deutschen Kultur nicht mehr so hoch angesehen. Es muss jedoch gesagt werden, dass sich viele gegen diese Veränderung wehren, aber nicht die Mehrheit
ausmachen.

Tendenziell akzeptiert jeder jeden und alles, ob es nun illegal oder unmoralisch ist, oder nicht. Frauen, die fremdgehen, werden genauso akzeptiert wie Männer, die nur ihre Karriere und ihr gesellschaftliches Ansehen im Sinn haben. Niemand traut sich laut seine Meinung zu äußern, aus Angst, jemanden zu verletzen oder auszugrenzen. Deshalb werden geschiedene Ehen als selbstverständlich toleriert, wobei niemand wissen will, wer Schuld an diesen Eheproblemen hat.

Ein Duell, wie es von Crampas und Instetten ausgeführt wurde, wird damit sinnlos, da es niemanden interessiert, woran die Ehe gescheitert ist. Heimlich fragt sich jeder warum, jedoch nicht vor der öffentlichen Gesellschaft. Diese entschuldigt alles mit ihrem höchsten Wert, der oft falsch verstandenen Toleranz.

Ursachen für geänderte Normen

Warum es zu dieser Veränderung der Normen gekommen ist lässt sich einmal nur geschichtlich begründen. Die Emanzipation der Frauen und die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg haben die Menschen zu mehr Toleranz gedrängt.

Außerdem leben wir in einem Zeitalter der Globalisierung. Die Menschen und die verschiedenen Kulturen kommen sich räumlich näher. Deshalb ist es unbedingt nötig, andere Menschen zu tolerieren, auch wenn sie eine andere Religion, Kultur und Sprache haben. Diese Toleranz hat sich wohl auch auf die Gesellschaft innerhalb Deutschlands übertragen. Schändliches Verhalten wird toleriert, wie toleriert wird, dass ein anderes Land andere Sitten hat, auch wenn diese mit den unseren unvereinbar und vielleicht
menschenunwürdig sind.

Effi und Innstetten heute

Schändliches Verhalten ist hier Effis Treuebruch, der heute absolut toleriert werden würde. Jedoch nicht die Reaktion Instettens. Kein Mann würde heute auf die Idee kommen Crampas zu töten, da er sich nicht mehr vor der Gesellschaft rechtfertigen muss, da es diese nicht interessiert. Nur um seine eigene Ehre wiederherzustellen, lohnt es sich nicht ein Leben lang im Gefängnis zu sitzen.

Von Isabel Heine 


Vgl. die themengleiche Arbeit von Elena Wellenhöfer

Nach oben