Theodor Fontane: Effi Briest
Literarische Erörterung

Von Elena Wellenhöfer


Themenstellung

„Also noch einmal, nichts von Hass oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss.“ 
( Theodor Fontane: Effi Briest, S. 265, Z.10 – 16 Reclam- Ausgabe)

Erörtere 
ausgehend vom Beispiel des Duells zwischen Instetten und Crampas in Fontanes Roman „Effi Briest“ die Frage, inwieweit und warum sich die gesellschaftlichen Normen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts geändert haben und welche Auswirkungen dies auf den Umgang mit einem Eheproblem ähnlich dem Effis und Instettens haben würde.


Der Mensch ist ein Individuum und lebt in der Gesellschaft seiner Zeit.  Diese prägt jeden Menschen und beeinflusst mit ihren Norm- und Moralvorstellungen das Leben der Person, sein Handeln sowie sein Denken.

So wie allerdings die Zeit vergeht, verändert sich auch die Gesellschaft. Sie wiederum ist schließlich bedingt durch Geschehnisse in Politik, Erlebnisse wie Krieg oder Krisen. Ihre Begriffsdefinitionen bekommen andere Inhalte oder verschwinden ganz. Der Ehrbegriff als eines der zentralen Merkmale der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wandelt sich bis heute. 

Inwiefern vollzog sich diese Änderung der gesellschaftlichen Ansichten und Vorstellungen, wo liegen die Gründe des Umbruchs und welche Auswirkungen hat das auf heutige Taten, die früher vielleicht verurteilt worden wären? Am Beispiel von Theodor Fontanes Roman Effi Briest, in dem ein Ehebruch in adligen Kreisen ein Duell provoziert und der Liebhaber stirbt, sollen die Aspekte der beeinflussenden Gesellschaftsnormen reflektiert werden.

Historischer Hintergrund des Duells zwischen Crampas und Innstetten

Um die Motive für das Duell zwischen Innstetten und Crampas zu verstehen, muss man den historischen Hintergrund kennen. 

Zu der Zeit regiert Bismarck das Land. Kaisertreue ist groß geschrieben und die Ständegesellschaft gibt die sozialen Strukturen vor. „Adel verpflichtet“, lautet ein bekannter Satz. Der Adel als eine „bessere“ Klasse hat demnach auch seine Regeln um sich in Auftreten und Wirkung von dem Fußvolk abzuheben.

Dieser berühmte Satz - „Adel verpflichtet“ - entspricht der Vorstellung von dem untadeligen Stand, der sich seinem Einfluss auf das politische Geschehen bewusst ist.  Der damalige Staatenbund ist ebenso noch stark in militärischer Hand und eben das Militär stellt größtenteils die Normen und Werte, die es zu erfüllen gilt: Haltung, Treue gegenüber dem Kaiser und nicht zuletzt Ehre und Stolz.  Es ist eine Gesellschaft der Anpassung, die jeden Verstoß gegen ihre Moral als unverbesserliches Fehlverhalten ahndet.

So auch Innstetten: Er selbst ist früher beim Militär gewesen, ist adlig und kennt die Werte und Normen.

Ein Ehebruch setzt sich mit „Ehrbruch“ gleich und wird hauptsächlich als Beleidigung aufgefasst. Der verletzte Stolz muss wieder hergestellt werden, um das Ansehen in der Gesellschaft nicht zu verlieren. 

Gefühlsausbrüche und unüberlegte Handlungen dagegen sind verpönt. Es gilt die „Contenance“ zu bewahren um nicht noch mehr das Gesicht zu verlieren. Wie eben das Militär Haltung und Standhaftigkeit predigt, wird gehandelt, und Innstetten hat daher keine andere Wahl. Er „muss“ (265, Z.16), denn die adlige Gesellschaft der Kaiserzeit hat eine solche Macht und ist befähigt ,einen jeden sozial zu deklassieren, seinen Untergang oder seinen Aufstieg zu begünstigen. Ehre und Stolz stehen an erster Stelle, danach kommen Gefühle, was man der damaligen Stellung von Mann und Frau entnimmt. Vernunftheirat ist üblich, da der Adel und der Ruf erhalten und eventuell zusätzlich der Reichtum gesteigert, die Karriere gefördert werden soll. Der Mensch scheint weniger ein Individuum zu sein als eine Marionette der diktierenden Gesellschaft.

Gesellschaftlicher Wandel und Wandel der Normen

Doch mit dem Ende des Kaiserreichs beginnt sich auch die Gesellschaft allmählich zu verändern. Die Industrialisierung, die schon in der Kaiserzeit Umbrüche in der Gesellschaft erkennen ließ, beginnt ihre Folgen deutlicher werden zu lassen. Der kleine Mann strebt nach oben. Industrielle mit viel Geld und Einfluss prägen die Gesellschaft. Der Adel verliert an Macht.

Die Weimarer Republik mit ihren demokratischen Grundsätzen fördert und schützt mehr als zuvor das Volk, das nun auch politisch mehr Einfluss bekommt.

Da sich nun der Blick mehrt auf die „nicht adligen“ Bürger konzentriert und sich das Selbstbewusstsein des Arbeiters steigert, ändern sich die Norm- und Wertvorstellungen. Sie werden langsam „zivil“.

Gefühle sind nun eher erlaubt, Familiensinn und individuelle Bedürfnisse stehen zunehmend im Vordergrund, da auch das mächtige Militär als Wertesteller seine Position einbüßen muss. Ein „tyrannisierendes Gesellschaftsetwas“ (265,Z.13f.) schwindet. 

Man stelle sich demnach einen Ehebruch in einer Gesellschaft vor, in der den Maximen des Adels und des Militärs weniger Bedeutung beigemessen wird.  Der Umgang damit findet anders Ausdruck.

Da die einzelne Person mehr Selbstbewusstsein besitzt und freier in ihren Entscheidungen geworden ist, erscheint ein Duell aus Gründen des Stolzes und der Ansehenserhaltung zunehmend unverständlicher. 

Das Gesetzt spielt bei dieser Änderung der Wertewelt und der Normen ebenso eine große Rolle. Wurde unter Bismarck das Duellieren zwar laut Gesetz eigentlich verboten, so war das Gesetz des Militärs das stärkere. Anleitungen zum standesgemäßen Duell und der Grad der Schwere waren als Buch zu erhalten und wurde daher in Offizierskreisen als „legales“ Mittel betrachtet. Ohne das Militär schwindet nun auch dieser Wert des Duells zur Wiederherstellung der Ehre.

Man darf allerdings nicht annehmen, Ehre und Stolz seien völlig unwichtig. Die Zeit des Adels ist nicht lange her und die Werte des Kleinbürgertums wie Familie, Ehrlichkeit, Fleiß und Treue, in Ehe wie Freundschaft, haben an Geltung gewonnen, doch der Ehrbegriff bzw. das Ansehen in der Gesellschaft und die Ausgrenzung von „moralisch fragwürdigen“ Personen bleibt noch lange erhalten.

Ein uneheliches Kind gilt bis in die 80’er Jahre des 20. Jahrhunderts als „Bastard“ und Mütter ohne Ehemann stehen noch lange am Rande der Gesellschaft und gelten als „nicht züchtig“.

Doch: Der Ehebruch wird mit dem Aufstieg des Bürgers, der Entwertung des Adels mehr als Treuebruch in der Liebe zweier Menschen angesehen, eine Verletzung des Gefühls.

Der Wohlstand nahm nach Ende des NS-Regimes mit dem Wirtschaftswunder bis heute zu. Der damals „einfache arme“ Bürger kann sich hocharbeiten, setzt nun selbst Maßstäbe und fühlt sich mit wachsender Unabhängigkeit niemandem verpflichtet.
Die Normen sind die christlichen , bzw. humanistischen. Treue noch immer oben auf, Mord und Tod verurteilt, weswegen schon daher ein Duell nicht mehr denkbar wäre.

Die Zeiten der 1970’er sind sicherlich die bedeutesten für die Gesellschaft, die in diesen Jahren als „kleinkariert“ gilt. „Freie Liebe“ wird als Grundsatz gelegt. Die Liebesheirat ist mittlerweile üblich. 

Da nun die Liebe in einer Ehe im Vordergrund steht, stellt man sich die Musterehe als Ehe vor, in der das Paar sich liebt und auch so miteinander umgeht.

Die Musterehe Innstettens und Effis sollte eine Ehe sein, in der kein ‚Aufsehen erregt wird und die den Normen der Gesellschaft Folge leistet. Dass die Ehe nur demonstriert, wie tadellos die „Beteiligten“ sind, wird heute nicht mehr erwartet.

Ein Grund für den Wandel von der Vorstellung einer Ehe liegt darin, dass nicht mehr standesgemäß geheiratet werden muss. Jeder gehört dem selben „Stand“ an. Ein Mensch ist nicht mehr definiert als Adliger oder Bürger. Ein Mensch ist ein Mensch, und Menschlichkeit wird zu einem wichtigen Grundsatz der Gesellschaft. Ein Fehltritt ist heute nunmehr „nur menschlich“. Ein Mensch macht Fehler und darf sie auch haben, aber menschlich muss er handeln!

Mittlerweile im 21. Jahrhundert angekommen lebt man nicht mehr „von“ der Gesellschaft, sondern „in“ der Gesellschaft. Die ist zwar nicht wegzudenken, da sie noch immer Denkweisen und Strömungen vorgibt, aber man lebt für sich. Der Mensch macht sich den Humanismus, den Individualismus und die Freiheit und Selbstbestimmung zu Lebensmaximen.

Rückgreifend auf das Duell zwischen Innstetten und Crampas müsste man heute das Zitat Innstettens „…jenes […] uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss.“ (265, Z.10-16) umformen.

Man würde sich dem Liebhaber seiner Frau nicht wegen dem Gerede in der Gesellschaft stellen, sondern weil seine Gefühle missbraucht wurden, weil sein Glück zerstört wurde und man sich hintergangen fühlt.

Der Stolz wird immer noch mit, doch hat sich seine Bedeutung verändert. Es besteht kein Gesetz, das die Gesellschaft vorschreibt, das besagt, dass ein Duell sein müsse. Man würde verstehen, dass man sich trennt oder es auch beim Alten belässt, dass man dem Liebhaber wütend entgegentritt, ihn schlägt oder dass man traurig ist und weint. Die heutige Gesellschaft sieht Gefühle als Wert. Gefühle zu zeigen gilt durch die Liberalisierung von Zwängen beinah als stark und – menschlich.

Durch die Erfahrung, die man in der Vergangenheit mit dem Militär, dem Krieg oder der SS der Nazis gemacht hat, werden starre Militärhaltungen eher als Maskerade angesehen.

Zusammenfassend wandelten sich die Normen von der Sittlichkeit zur Menschlichkeit, vom Kreatürlichen zum Natürlichen und man wurde insgesamt freier. Normen und Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Liebe, Vertrauen und Fleiß prägen unsere heutige Gesellschaft sehr, aber in anderem Maße als zu Effis Zeit.

„Musterehen“ sind noch immer gern gesehen und noch immer weiß man wahrscheinlich nicht , hinter welcher sogenannten sich auch eine verbirgt.

Innstetten, Effi und Crampas heute

Projizieren wir nun Effis und Innstettens Beziehung auf heute. Hätten ihre Probleme solch einen Ausgang gehabt? Wahrscheinlich nicht. Das Problem zwischen Effi und Innstetten und ihrer Ehe liegt von Anfang an in ihrer Verschiedenheit.

Abgesehen davon, dass sie wahrscheinlich nie geheiratet hätten, da heute die Liebesheirat als die ideale gilt, wäre auch ihr Eheleben anders verlaufen. Effi redet nie über ihr Problem mit Innstetten, dass er zu wenig zärtlich sei oder ihr die Zuneigung und Leidenschaft fehle. Das würde nicht dem Geist der Zeit, in dem man sich dem Schicksal fügt und Klagen als Schwäche angesehen werden, entsprechen. Wenn Effi ihr Problem offen besprochen hätte, hätte das Folgen für deren Zusammensein gehabt.

Heute ist es normal über Differenzen zu sprechen. Ein Paar mit Eheproblemen kann zu einem Berater gehen, Freunde ständen mit Rat und Tat zur Seite, was auch eine derartige Eskalation, also Ehebruch, hätte vermeiden können.

Angenommen, der Ehebruch sei schon geschehen, hätte die Geschichte heute einen anderen Verlauf genommen.Der Betrogene „muss“ gar nichts. Er kann. Die liberale Geisteshaltung hätte den Ehemann oder die Ehefrau von Beginn an dazu getrieben, ihrem Ärger oder ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Der Mann streitet mit der Frau und staut deine Wut nicht an oder ist gezwungen, sie der Norm wegen zu unterdrücken.

Innstetten sagt, er habe keine andere Wahl, da die Gesellschaft ihn dazu zwinge. Aus Hass würde er Crampas nicht töten. Er beteuert auch, er liebe Effi noch immer und möchte ihr eigentlich nichts Schlechtes, doch er müsse. Heute hätte er seinem Gefühl folgen können.

Der Betrogene kann aus anderer Sicht an den Treuebruch herangehen und so einen anderen Umgang mit derartigen Problemen lernen. Sind die Eheprobleme nicht in der Ehe mit ausgiebigen Gesprächen geklärt worden, wäre auch heute die Scheidung eingereicht worden. Aber, und das ist wesentlich, die Geschiedenen wäre niemals plötzlich ruiniert worden und stände am Rande der Gesellschaft. Scheidungen sind geläufig und nicht mehr Zeichen für ein Fehlverhalten eines Ehepartners.

Vielleicht hätte sich das Paar, bzw. Effi und Innstetten, sogar in Freundschaft getrennt, doch aber zumindest mit der Sicherheit, dass man nun getrennte Wege geht, ohne dass beide eine Bestrafung seitens der Gesellschaft zu befürchten hätten. 

Crampas, das heißt der Liebhaber, wäre nicht getötet worden.  Der Mord als Strafe für derartiges Verhalten stieße in der heutigen Situation auf Ablehnung, und das würde der Ehemann wissen. Schlimmstenfalls würde ein Handgemenge die Folge sein, in der der Ehemann seine Verletzung und Wut zum Ausdruck bringt, was die Verarbeitung der Tatsache begünstigt, dass die Frau ihn betrogen hat.

Die Art des Umgangs mit dem problem trägt in besonderem Maß zur Verarbeitung mit einem derartigen Eheproblem bei. Da Gefühle zu zeigen in der heutigen Welt erlaubt wird, kann auch der Betrogene einen anderen Weg einschlagen, seinem verletzten Stolz zur Wiederherstellung zu verhelfen. Kommunikation und bewusste Verarbeitung durch Austausch mit Freunden oder der Ehefrau selbst verhelfen zu einem Ergebnis, das für beide angenehmer sein kann.

Dadurch dass man mit jemanden sein Problem teilt, entsteht nicht wie früher in Adelskreises der Zwang zum Duell, sondern im Idealfall die Fähigkeit, mit dem Problem richtig umzugehen und zu verarbeiten. Man selbst setzt dabei die Regeln, die einem persönlich richtig erscheinen.

Die Ehefrau darf nicht vergessen werden. Die hätte das Recht sich zu recht fertigen und sogar zu behaupten, die Schuld läge nicht nur bei ihr, da er ihr die Liebe vorenthielte.
Effi hätte von vornherein, schon in der Ehe, die Möglichkeit gehabt, ihre Gefühlslage zu erläutern und auch nach dem Ehebruch wäre ein Geständnis möglich gewesen.
Eine Scheidung wäre nie zwangsläufig, denn selbst die Gesellschaft hätte akzeptiert, dass sie zusammen bleiben.

Man mag nicht behaupten Eheprobleme oder gar Ehebruch seien heute ohne schlimme Folgen, doch ist es erstaunlich, in welchen Maß andere Umstände und Grundbedingungen den Umgang mit solchen Dingen beeinflussen. Es ist sogar anzunehmen, dass die Handhabung eines Ehebruchs heute schwerer ist als damals. Früher gab es klare Regeln, sicherlich Zwänge, die den Umgang damit vorschreiben. Heute ist man selbst verantwortlich für sein Tun.

Die menschliche Freiheit erlaubt aber letztlich auch friedlichere Lösungen, und Innstetten wie Effi hätten in der heutigen Gesellschaft nach solch einem Vorfall eher die Chance gehabt, glücklich zu bleiben, oder zumindest so zu handeln, dass sie sich selbst treu bleiben, so zu handeln, wie ihr Gefühl es ihnen vorgibt. 

Von Elena Wellenhöfer


Vgl. die themengleiche Arbeit von Isabel Heine

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