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Altartafel Orcagnas: Interpretation

Palastfassaden in Florenz

Grundinformation:

Die mehrteilige Tafel - der Fachbegriff lautet "Polyptychon" - ist im internationalen gotischen Stil gemalt. Sie ist auf 1357 datiert.

Interpretation:

Altarbilder scheinen langweilig zu sein. Dargestellt sind normalerweise entweder Szenen aus dem Leben Jesu oder Mariä oder irgendwelche sonstige Heilige bzw. Begebenheiten aus ihrem Leben. So auch hier:

Die Mitteltafel zeigt Jesus, umgeben von Seraphen. Zu Füßen Christi musizieren Engel. Christus übergibt Petrus die Schlüssel, Thomas von Aquin, dem großen mittelalterlichen   Philosophen und berühmten Mitglied des Dominikanerordens, das Buch der Weisheit.

Rechts anschließend steht Petrus, dahinter Johannes der Täufer; auf der entgegengesetzten Seite empfiehlt Maria Christus den heiligen Thomas von Aquin.

Links außen tötet der Hl. Michael mit dem Schwert den Drachen, dahinter steht die Hl. Katharina mit Märtyrerpalme und Rad.

Rechts außen St. Petrus mit dem Schwert und der Hl. Lorenz mit Märtyrerpalme und Rost. Die Namen der Heiligen sind übrigens jeweils unten vermerkt.

Die Heiligen stehen auf purpurnem Teppich mit Florentiner Lilien, der Hintergrund ist golden, das Ganze ist in reich verzierter vergoldeter gotischer Architekt eingefaßt.

Die Altarstufe zeigt drei kleinere Bilder: Thomas von Aquin in Verzückung, während er die Messe liest; Petrus wandelt auf dem Wasser; der Erzengel Michael und der Teufel streiten um eine Seele.

Wir Heutigen verstehen das Bild zunächst nur scheinbar!

Wenn diese Altartafel heute höchstens durch die Schönheit der Farben und die Eleganz der ganzen Arbeit beeindruckt, so liegt dies nicht nur daran, dass der heutige Mensch weniger religiös ist und sich als Nichtkatholik normalerweise nicht unbedingt für Heilige interessiert, sondern vor allem auch daran, dass diese Bilder eine Sprache sprechen, die wir nach einem halben Jahrtausend Abstand nicht mehr kennen, ja als Bildersprache nicht einmal mehr wahrnehmen.

Der mittelalterliche Gläubige dagegen war mit diesen Bildern vertraut. Er wusste, dass sie voller Symbole steckten, die er kannte. Für ihn sprachen die Bilder eine deutliche Sprache.  

Das Polyptichon Orcagnas z.B. enthält nicht einfach eine Reihung irgendwelcher Heiligen mit Jesus in der Mitte, sondern vermittelt eine ganze Glaubenswelt. Nichts, kein Gegenstand, keine Farbe, kein Standort der Figuren und keine Geste sind dem Zufall überlassen, alles hat Bedeutung, verweist auf einen Zusammenhang, wird Zeichen für etwas.

Hierarchischer Bildaufbau

Das beginnt mit dem hierarchischen Bildaufbau. Jesus befindet sich in der Mitte, und zwar erhöht in einer aus Seraphen gebildeten "Mandorla". Der Begriff bezeichnet einen den Körper umfassenden Heiligenschein in Form einer Mandel. Auch der Architekturrahmen betont Jesu zentrale Bedeutung. Jesus am nächsten befindet sich zu seiner bevorzugten Rechten Maria, die Gottesmutter und Himmelskönigin, auf der anderen Seite der Täufer. Davon abgesetzt im Vordergrund knieend, also rangniedriger, Petrus und Thomas von Aquin, und erst in den Außentafeln die übrigen Heiligen, die rangniedrigeren halb verdeckt.

Farbsymbolik

Voller Bedeutung stecken die Farben. Es soll im folgenden lediglich eine Auflistung der gängigen Farben vorgenommen werden. Sie selbst müssten sie im Bild auffinden und ihre   Verwendung deuten.

  • blau positiv: Himmel, Erkenntnis (klare Luft!), Einsicht; Sinnbild der Treue Gottes
    blau negativ: Teufel und Dämonen

  • rot positiv: (Blut); Symbol der brennenden göttlichen und menschlichen Liebe
    negativ: Hass, Aufruhr, höllisches Feuer

  • purpur:  ursprünglich die Gewandfarbe der römischen und byzantinischen Kaiser

  • gold: (Strahlen! Licht!) göttliche Allmacht und Herrlichkeit; Himmel

  • weiß: Reinheit, Unschuld

  • grün: Farbe der grünenden Saat

Die Tradition der Farbsymbolik ist so stark, dass sie sogar in der Frührenaissance noch deutlich nachweisbar ist, obwohl die Gotik andererseits, wie die Auflistung oben aber nicht fälscherweise vermitteln soll, keinen starren Farbkanon ausgebildet hat!

Gestik

Auch der Gestus der Heiligen ist vielsagend, Maria z.B.erscheint im Gestus der Fürbitte; Petrus und Thomas knien beim Empfang der Schlüssel und des Buches wie der Vasall (Lehensmann) vor seinem Herrn; Johannes der Täufer verweist auf Jesus zum Zeichen, dass er sein Vorläufer ist und ihm den Weg bereitet hat, wie es in der Bibel heißt. "Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren" (Luk. 3,16). Michael deutet mit dem Zeigefinger auf den von ihm erlegten Drachen, der natürlich das Böse symbolisiert.

Attribute

Als Attribute bezeichnet man Beifügungen, also Dinge, die den Heiligen beigefügt sind. Sie dienen nicht nur der Erkennung der Heiligen, sondern verweisen auf die im Mittelalter allgemein bekannten Heiligenlegenden.

Die Attribute sind teils allen Heiligen gemeinsam, wie z.B. der sog. Heiligenschein oder Nimbus, die Märtyrerpalme oder das Buch des Neuen Testaments als Zeichen des Bekenntnisses, teils sind sie individuell.

Katharina hält als Hinweis auf ihren Märtyrertod das Rad als individuelles, die Märtyrerpalme und das Buch als generelles Attribut; als Tochter des Königs von Zypern ist sie übrigens fürstlich gekleidet.

Der Hl.Lorenz, der auf dem Feuerrost gemartert wurde, trägt diesen als individuelles Attribut, Paulus, der 67 n.Chr. enthauptet wurde, fasst das Schwert als individuelles Attribut und Johannes der Täufer trägt als Hinweis auf sein Leben als asket in der Wüste  das Fell, außerdem den Kreuzstab als individuelles Attribut.

Auch im Nimbus wieder Hierarchie: der Nimbus Christi enthält das Kreuz!

Typus und Gewandung

Die Heilgen sind weiter durch Typus und Gewandung gekennzeichnet. Petrus z.B. besitzt einen Rundkopf mit kurzgeschnittenem Schifferbart - Hinweis auf seine frühere Tätigkeit als Fischer, seine spätere als Menschenfischer - und die cholerische Locke: er schlug dem Häscher Malchus ein Ohr ab.

Keine Naturnachahmung!

Halten wir also fest:

  1. Dem Maler geht es nicht darum, Menschen und Dinge naturgetreu ins Bild zu bringen. Es geht ihm nicht um Naturnachahmung, sondern darum, das Göttliche symbolisch zu zeigen.

  2. Der mittelalterliche Maler war in der Gestaltung nicht frei, sondern an eine ganz starke Tradition der Darstellung gebunden. Die festgefügte Tradition, die typologisierende Darstellung lässt den freien Künstler nicht aufkommen, ermöglicht andererseits aber auch  kleineren Talenten solide Werkstattarbeit. Orcagnas Arbeit allerdings besitzt große Qualität.

  3. Die Mittel der Darstellung dienen der Vermittlung des religiösen Bildinhalts.



Altartafel in der Cappella Strozzi di Mantova
Webgallery of Art
www.wga.hu


Das Ökumenische Heiligenlexikon
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