|
Domenico
Ghirlandaio Mariä Heimsuchung Das
Bildmotiv nach der Bibel: Die
sogenannte "Heimsuchung Mariä" ist nichts anderes als ein
Besuch Marias, der Mutter Jesu, bei Elisabeth, der Mutter des Johannes.
Lukas berichtet (1.39 - 43): Interpretation Zwischen Orcagnas gotischem Werk und Ghirlandaios Renaissance- Fresken liegen 130 Jahre. Was hat sich verändert? Erster Aspekt: Naturnachahmung / Natürlichkeit Ghirlandaio malt nach der Natur. Die Personen wirken natürlich, das Bild hat wegen der Verwendung der Perspektive Tiefe. Statt des Goldgrunds bei Orcagna sehen wir eine natürliche Szenerie, in der die Begnung zwischen Maria und Elisabeth stattfindet: eine städtische Umgebung mit Ausblick in eine Berglandschaft. Das Bild ist klar in Vorder-, Mittel- und Hintergrund gegliedert. Im Bildvordergrund treffen sich Maria und Elisabeth im Freien, hinter sich jeweils ein Gefolge junger Frauen. Sie neigen sich einander zu und fassen sich innig an den Händen. Die junge Maria schaut Elisabeth, die deutlich älter ist, sanft ins Gesicht, während diese keinen Blickkontakt aufnimmt, sondern den Blick im Bewusstsein des Ernstes des Vorganges etwas gesenkt hält. Die Gesichter sind individuell ganz verschieden, Andeutung des Heiligenscheins und Farbgebung der Kleidung lassen aber noch die Nachwirkung der Tradition erkennen. Wie Blickrichtung, Haltung und Gestik zeigen, nehmen die Damen des Gefolges an der Begegnung Anteil, wobei übertriebener Ausdruck bewusst vermieden wird. Zwei Frauen, aus jeder Gruppe eine, schauen sogar aus dem Bild heraus auf den Betrachter und beziehen diesen durch Blick und Handhaltung in das Geschehen ein, so dass man geradezu dabei zu sein scheint. Im Bildmittelgrund rechts steht ein triumphbogenartiges Tor, aus dem zwei Männer im Gespräch auf die davor liegende Brücke treten. Über die Mauer gelehnt drei weitere Männer, einer allein, zwei in der Gruppe, die entspannt in die dahinterliegende Stadt und Landschaft blicken. Dabei wenden sie dem Bildbetrachter den Rücken zu. Aus der Stadt steigen gerade ein Mädchen mit Früchtekorb und ein junger Mann empor, wobei sie an der Mauer entlanggehen müssen. Alle gehen ihren Beschäftigungen nach und lassen sich durch die heilige Vordergrundhandlung nicht weiter stören. Im Hintergrund liegt eine Stadt, die vor allem in der linken Bildhälfte und unter der Holzbrücke zu sehen ist. Dahinter ein Fluss, in der Ferne Hügel mit Kastellen und Berge. Am Himmel fliegen Vögel von links ins Bild. Idealisierte Landschaft Vermutlich haben Sie beim ersten Betrachten des Bildes gar nicht auf Maria und Elisabeth geschaut, sondern auf die Landschaft im Hintergrund. Tatsächlich bemüht sich Ghirlandaio um große Raumtiefe, was er durch die schräg in die Tiefe führende, perspektivisch verkürzte Mauer sowie durch die Staffelung des Hintergrundes in Stadt - Fluss - Hügel - Berge - Himmel sowie durch farb- und dunstperspektivische Mittel erreicht. Dabei werden nach hinten Farbtöne gewählt, die der natürlichen Wahrnehmung der Landschaft durch das Auge entsprechen. Auch der Dunst täuscht Tiefe vor. Die Mauer reißt das Auge des Betrachters geradezu aus dem Vordergrund weg in die Bildtiefe, unterstützt durch die drei Männer an der Mauer, die ebenfalls, wie der Betrachter, die Natur betrachten und genießen. Offenbar handelt es sich um keine konkrete Landschaft, sondern um eine idealisierte Landschaft, die aber von der Landschaft der Toscana mit ihren Hügeln, dem Apennin und ihren Schlössern inspiriert ist. Die Stadt ist sichtlich von Florenz selbst angeregt. Der Kirchturm z.B. erinnert an die Badia, aber auch an den Turm von Santa Maria Novella selbst. Der Turm, der über die Mauer schaut, ist vergleichbar mit dem des Palazzo Vecchio. Antike Architekturformen Die Architekturformen sind aber keine realistische Wiedergabe wirklich vorhandener Gebäude, sondern enthalten Bauformen des Mittelalters und der Renaissance und sind zum Teil mit ihren Rundbögen und Halbsäulen an der Antike orientiert. Auf dem Triumphbogen vor der Brücke sind sogar eine antike Kampfszene und antike Fabelwesen angebracht, wie sie die Renaissance kannte, liebte und mit Eifer aus dem Boden schaufelte. Zweiter Aspekt: Verweltlichung Unschwer werden Sie eine Tendenz zur Verweltlichung erkennen, obwohl es sich um ein Bild religiösen Inhalts handelt und die religiöse Handlung in der Mitte des Vordergrundes spielt. Der gesamte Mittel- und Hintergrund mit seinen natürlichen Alltagsszenen bildet in Verbindung mit dem Tiefenzug ein so starkes Gegengewicht zur Vordergrundhandlung, dass diese an Bedeutung doch erheblich verliert. Dies spiegelt die wachsende Hinwendung der Renaissance zum Diesseits. Es stellt sich die Frage, wie wichtig die religiöse Handlung eigentlich noch ist. Selbstdarstellung der Florentiner Gesellschaft / Porträts von Familienmitgliedern Am meisten aber zeigt sich der Aspekt der Verweltlichung in der berühmten Damengruppe im Vordergrund rechts, die nach Größe und Anteilnahme zum Gefolge Elisabeths zu gehören scheint. Die Dame, die sie anführt, ist Giovanna degli Albizzi, die Frau des Lorenzo Tornabuoni, hier noch als junges Mädchen. Die ältere Dame rechts außen ist Dianora Tornabuoni, Ehefrau des städtischen Würdenträgers Tommaso Soderini und Schwester des Auftraggebers. Domenico Ghirlandaio hat offenbar die Familie des Auftraggebers porträtiert, und zwar nicht nur auf diesem Fresko, so dass die Chorkapelle von Santa Maria Novella uns das Patriziat, die Führungsschicht des damaligen Florenz, soweit es mit den Tornabuoni verwandt war oder mit ihnen zu tun hatte, vor Augen führt. Der Maler schafft hier in sehr direktem Sinne ein ruhmvolles Gedächtnis seines Auftraggebers und seiner Familie, ganz wie es sein Auftrag war! Man stelle sich vor, dasselbe Thema würde heute gemalt und die Familie eines Prominenten unserer Zeit nähme in zeitgenössischer Kleidung, z.B. im Smoking, am heiligen Geschehen teil, realistisch gemalt und ausgestattet mit Hinweisen auf ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung, dann kann man ermessen, welche revolutionäre Neuerung es war, prominente Zeitgenossen in religiöse Bilder zu versetzen! In früheren Zeiten knieten die Stifter allenfalls klein am Bildrand in Gebetshaltung, die Familie Tornabuoni reiht sich in einer Chorkapelle in derselben Größe wie die Heilige selbst in das Gefolge der Heiligen Elisabeth, der Mutter des Täufers, ein. Welch ein Selbstbewusstsein dieser Patrizierfamilie wird hier deutlich! Dritter Aspekt: Maß / Harmonie / Vollendung Das ganze Bild ist sehr ruhig, harmonisch und maßvoll, bis hin zum geometrischen Bildaufbau und zur Wahl der Farbtöne. Die heilige Szene spielt sich wie auf einer Bühne ab, die Frauen stehen auf gleicher Höhe, Maria und Elisabeth bilden ein Trapez, der Querzug von Brücke und Mauer wirkt wie ein Rahmen. Maß, Harmonie, Ruhe und Bevorzugung des geometrischen Aufbaus sind wichtige Kennzeichen der Malerei der Renaissance! Die
Mauer beginnt an einem Punkt der Bildeinteilung, der
Goldener
Schnitt genannt wird. Man hat durch Versuche festgestellt, dass eine
Linie von Versuchspersonen am häufigsten an einem bestimmten Punkt
unterteilt wird, den man deshalb den Goldenen Schnitt nennt. Dieser Punkt
entspricht offenbar einem natürlichen Empfinden für Ordnung und Harmonie.
Deshalb kommt er in der Kunst der Renaissance, die sich um Maß, Ordnung
und Harmonie bemüht, häufig vor. Auch die Abstände der Bäume zwischen
Mauer und Brücke sind regelmäßig. Proportion und Maß ergeben nach
Auffassung der Humanisten und der Antike innere und äußere Schönheit,
sie sind göttliche Ordnungsprinzipien der ganzen Schöpfung, schaffen
Vollendung und verweisen so auf Gott.
Mit diesem Argument aus dem Arsenal der Humanisten hätte sich Ghirlandaio
vielleicht gegen den Vorwurf der Verweltlichung verteidigt! Der
Bildhintergrund in unserem Beispiel erfüllt aber auch noch eine Funktion
für den Maler. Er zeigt, was er kann ! Vasari wies darauf hin, dass es für
Ghirlandaio auch um Ruhm und Gewinn gegangen sei. Tatsächlich brachte
dieser Freskenzyklus ihm beides ein. Vasari schreibt: "Diese Kapelle
galt für etwas sehr Schönes, Großartiges und Reizendes wegen der
Frische und Lebendigkeit der Farben, und weil die Malerei, bei welcher
Domenico nur wenig trocken nachbesserte, mit Übung und Zartheit auf der
Mauer ausgeführt ist. Erfindung und Zusammenstellung aller Gegenstände
ist aufs beste gelungen, und Domenico verdient sicherlich wegen dieses
ganzen Werkes großes Lob, zumeist jedoch wegen der Lebendigkeit der Köpfe,
unter denen man nach der Natur gezeichnet die sehr ähnlichen Bildnisse
vieler merkwürdigen Personen findet." Giovanna
degli Albizzi trägt über einem langen Kleid aus Brokat mit am
Ellbogen geschlitzten Ärmeln und relativ weitem Ausschnitt, der durch
einen feinen, durchsichtigen Stoff bedeckt wird, ein Überkleid, das bis
auf den Boden reicht. Darauf befinden sich Sonnen, das Wahrzeichen des
Stadtviertels Santa Maria Novella, und Adler, die einen umschnürten
Ballen halten: das Wappen der Kaufleutezunft (Calimala). Eine Art
stilisierte Florentiner Lilien rahmen die Wappen. Die
aufrechte Haltung unterstützt die würdevolle Erscheinung. Unter dem
Kleid dürfte sich ein wattiertes Kissen befinden, um die Hüfte zu
verbreitern, was die Figur imposanter erscheinen lässt. Vielleicht ist
auch die Brust durch Bänder gehoben. Das
lange Haar trägt diese Dame nach Art junger Mädchen mit an den Seiten
herabfallenden Locken, die unter Umständen auch durch die Verwendung künstlicher
Haarteile entstanden sein können. Während andere junge Damen das Haar
offen tragen, trägt sie es kompliziert geknotet, was ihr eine gewisse
Strenge verleiht, die durch den Mund noch verstärkt wird. Der Haaransatz
ist relativ hoch, so daßsseine hohe Stirn entsteht. Die
Damen dieser Zeit haben hier eventuell durch Ausrasieren etwas
nachgeholfen. Die Haarfarbe ist blond, was der damaligen Mode entsprach. Die
Augenbrauen sind sehr fein gezogen, was Pflege erforderte. Man schminkte
sich auch, was sich noch besser an den Damen sehen lässt, die Maria
begleiten. Die
äußere Aufmachung des Menschen ist nicht nur eine Frage der Repräsentation
des Standes, sondern hat auch eine wichtige Bedeutung für die Vollendung
einer Persönlichkeit. Sie behebt natürliche Mängel und lässt den
Menschen vorteilhafter erscheinen. In diesem Sinne macht sie aus dem
Menschen einen idealeren Menschen als die Natur ihn schafft.
Schönheitschirurgie wie heute gab es allerdings noch nicht. |
|