Imperialismus
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CD- Tipp


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CD erstellt  im Auftrag des LMZ für den Bildungsserver SESAM. Außerhalb Baden- Württ. erhältlich bei medialesson

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Impressum


Impressum

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Inhalt:

Arbeitsmittel

Roter Kasten
mit einführenden Links

Basiswissen
Aufgabenvorschläge zum Basiswissen Imperialismus
1 - Definition des Imperialismus 
2 - Ursachen und Motive  
3 - Begründungen  
4 - Typen imperialistischer Herrschaft  
5 - Mittel imperialistischer Politik  
6 - Wichtigste Kolonialmächte und kolonisierte Gebiete

7 - Aspekte des Imperialismus in Quellen

7.1 Argumente aus dem Jahre 1866 für eine deutsche Kolonialpolitik
7.2 Gründung der Kolonie Neu-Süd-Wales (Australien)
7.3 Australien als Beispiel britischer Kolonialpolitik
7.4 Gründung Singapores
7.5 Bevölkerung, Eisenbahn, Post- und Telegrafenanstalten in den deutschen Kolonien
7.6 Schwierigkeiten beim Eisenbahnbau in China
7.7 Opiumhandel in China

7.8 Die Verträge von Tientsin (Tianjing) 1858 und Peking 1860
7.9 Die Bagdadbahn
7.10 Die christliche Mission in Deutsch- Ostafrika
7.11 Eine "kulturelle Begegnung" im kolonialen Afrika oder 
Wie funktioniert Rassismus?

7.12 Eine "kulturelle Begegnung" in Ozeanien: Umgang mit Menschenfresserei
7.13 Bassari in Bild und Wort

8. Ägypten wird faktisch britisch
9 - Informelle Herrschaft über das Osmanenreich

9.1 Deutscher militärischer Einfluss im Osmanenreich
9.2 Die wirtschaftliche Durchdringung des Osmanenreiches durch die europäischen Staaten  

9.2.1 Die " Kapitulation" von 1839
9.2.2 Der Staatsbankrott von 1875 und ausländische Staatsschuldenverwaltung

9.3 Territoriale Verluste des Osmanenreiches seit 1815 mit Aufgaben

Linke Spalte
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Quellen  
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Arbeitsmittel

Verwandte Seiten
Deutschland und Österreich- Ungarn  
Großbritannien  
Russland / Japan

China  
Osmanisches Reich
Nationalismus
Reihe "Informationen zur politischen Bildung"  

 

Ein Platz an der Sonne
Deutsche Kolonialpolitik im heutigen Namibia
Der Artikel bezieht sich auf eine Ausstellung zu Namibia, zeigt aber indirekt anhand des Rassismus die Kontinuität von Kaiserreich und Imperialismus bis zum Nationalsozialismus (Konzentrationslager, Völkermord, medizinische Experimente).
Voice of Germany
netzeitung.de

Aufgaben:
  1. Wie kommt es laut Artikel zum Erwerb deutscher Kolonien? Ergänze aus diesem Link: Die deutschen Kolonien. Interaktive Infografik des ZDF -> Deutsche Kolonien in Afrika -> Erwerb
  2. „Die deutsche Kolonialpolitik war ein Vorläufer der nationalsozialistischen Politik.“ Nimm Stellung zu dieser Behauptung.
  3. Notiere Fragen zur Kolonialpolitik, die noch zu beantworten wären.

 
Namibia: Anführer der Herero verlangt finanzielle Entschädigung von Deutschland
shortnews.de

Aufgabe:

  1. Bereitet ein Streitgespräch für zwei Teilnehmer(innen) vor. Eine(r) spricht für, eine(r) gegen eine Entschädigung. Als Grundlage dient je 1 Merkzettel.

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Basiswissen 

1 - Definition


Imperialismus im Sinne einer Weltreichsbildung gab es in der Geschichte immer wieder. Seit der letzten Drittel des 19. Jh. betreiben die europäischen Mächte und die USA systematische eine imperialistische Politik. Dieser sog. "moderne Imperialismus" ist eine Erscheinungsform  der  modernen Industriegesellschaft.

Beispiel für eine Koloniegründung:


Gründung der Kolonie Neu-Süd-Wales (Australien)

Aufgabenvorschläge

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2 - Ursachen und Motive



Blick auf die Werft von Blohm & Voss, 1909
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Bildnachweis (Kolonie und Heimat in Wort und Bild)

Als "Wirtschaftsimperialismus" zielt er auf die Ausfuhr von Waren und Kapital, auf die Einfuhr billiger Rohstoffe und auf die Vermeidung von Wirtschaftskrisen. Die Ausweitung des Handels und die Schaffung von Märkten waren zentrale Anliegen. Das musste notwendigerweise mit dem Aufbau von Infrastrukturmaßnahmen (Eisenbahnbau, Straßenbau, Telegrafie, usw.) einhergehen, um Rohstoffe und Handelswege zu erschließen. 

Als "Sozialimperialismus" expandieren imperialistische Mächte nach außen, um die inneren sozialen Verhältnisse durch Auswanderung und Schaffung von Arbeitsplätzen zu stabilisieren und mögliche Revolutionen zu vermeiden: "Wenn man einen Bürgerkrieg vermeiden will, muss man Imperialist sein." (Cecil Rhodes). Der Imperialismus spielt sich ja vor dem Hintergrund eines noch kaum oder wenig entwickelten Sozialstaats und eines Bevölkerungswachstums ab.

Weitere Motive imperialistischer Politik bilden nach wie vor strategische und kulturelle Gründe, dazu mehr im Absatz "Begründungen".  

Die systematische Weltreichsbildung ersetzt das Prinzip "the flag follows the trade", nach dem im Bedarfsfall Schutz für private Gesellschaften gewährt wurde.


Bildnachweis  (Kolonie und Heimat in Wort und Bild,13. Februar 1910)

Beispiele für wirtschaftliche Motive


Argumente für eine deutsche Kolonialpolitik


Bevölkerung, Eisenbahn, Post- und Telegrafenanstalten in den deutschen Kolonien


Die Bagdadbahn

Motiv Mission:


Die christliche Mission in Deutsch- Ostafrika

Aufgabenvorschläge

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3 - Begründungen  


Die Expansion wird ideologisch anders begründet als früher, wo christlich-missionarische Motive im Vordergrund der Begründung standen. Mission wird zwar ebenfalls angeführt und auch massiv betrieben, aber eine wichtigere Rolle spielt der Nationalismus in seiner übersteigerten Form des Chauvinismus, z.B. "right or wrong my country" oder "Deutschland, Deutschland über alles".

Eine weitere Begründung liefert auch ein kulturelles Sendungsbewusstsein. Man will den "Wilden" europäische Kultur und Zivilisation bringen, auch über die Mission. Die Ehrlichkeit dieses Anliegens zumindest bei Missionaren und europäischen Philanthropen (Menschenfreunden) zu unterschätzen würde den Tatsachen nicht gerecht. Noch heute wird ja in den Kirchen für die Mission gespendet.

Diese kulturellen Motiv klingt aus heutiger Sicht vielleicht überheblich, aber man muss sich die Zeitumstände vor Augen halten: 

In weiten Teilen der Welt waren Glaube an Geister, Zauberei und Amulette (große Teile Afrikas, China, Inselwelt des Pazifik, usw.) verbreitet, es gab die Vielweiberei (islamischer Bereich, China, usw.), Sklaverei (von den Engländern und anderen im 19. Jh. massiv bekämpft), Ermordung bzw. Aussetzung weiblicher Säuglinge (Teile Indiens, usw.), Kastenwesen (Indien), Menschenfresserei (Kannibalismus z.B. in Teilen der pazifischen Inselwelt), usw..  Man empfand es als unchristlich und gegen die Gebote der Menschlichkeit gerichtet, diese Zustände zu dulden und wollte sein Möglichstes tun, um sie zu ändern, soweit die Umstände es erlaubten. Im Unterschied zu heute glaubte man in Europa in weiten Teilen der Bevölkerung, wenn auch mit durch Liberalismus und Sozialismus abnehmender Tendenz, trotz und neben der Aufklärung an die christlichen Lehren in der von den Kirchen vorgegeben Form (Glaubensbekenntnis, Katechismus, 10 Gebote) und ging regelmäßig zur Kirche.

Weiterhin war die nichteuropäische Welt im Vergleich zu Europa auch in anderer Hinsicht völlig unterentwickelt. Technik, Industrie und Wissenschaft fehlten weitgehend, es mangelte an Hygiene, der Analphabetismus war weitverbreitet. So war den Zeitgenossen, Europäern wie NIchteuropäern (!), der Überlegenheit der europäischen Kultur offensichtlich. Das war der Grund, weshalb die Nichteuropäer einerseits wissenschaftlich, technisch, wirtschaftlich und vor allem militärisch nachziehen wollten, andererseits dabei mit ihrer eigenen Kultur und ihren eigenen Traditionen in Konflikt kamen. Die Lösung dieses Problems dauerte unterschiedlich lange und führte bis heute zu unterschiedlichen Ergebnissen. 

Fühlbar wurde die kulturelle Überlegenheit der Europäer für die Nichteuropäer vor allem militärisch. Die Nichteuropäer verfügten nicht über die industriell- hochtechnologischen Waffen der Europäer.

Wichtig war auch der Rassismus. Man ging aufgrund des Augenscheins der kulturellen Überlegenheit der Europäer von der Überlegenheit der "Weißen" über die "Farbigen" aus und zog daraus falsche, nämlich rassistische Schlussfolgerungen. 

Buchempfehlung:

Wer das Denken der Zeit und den Zustand der Welt im 19. Jahrhundert näher kennen lernen will, findet hier einen leicht lesbaren Einstieg:


Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857, 1858, 1859
Erster Band: Vorbereitung der Reise, Von Triest nach Gibraltar, Gibraltar, Madeira, Rio de Janeiro, Kap der Guten Hoffnung, Die Inseln St. Paul und Amsterdam, Die Insel Ceylon, Madras, Die Nikobrischen Inseln, Singapore, Java, Manila
Es handelt sich um eine österreichische Forschungsexpedition


Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857, 1858, 1859
Zweiter Band: Hongkong, Schanghai, Die Insel Puynipet, Die Koralleninsel Sikayana, Sydney, Auckland, Tahiti, Valparaiso, Isthmus von Panama und zurück nach Gibraltar


Beispiele anhand von zeitgenössischen Zeitschriftenartikeln unter:


Die christliche Mission in Deutsch- Ostafrika


Eine "kulturelle Begegnung" im kolonialen Afrika oder 
Wie funktioniert Rassismus?


Eine "kulturelle Begegnung" in Ozeanien: Umgang mit Menschenfresserei

Aufgabenvorschläge

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4 - Typen imperialistischer Herrschaft



Kiautschou: Deutsche Schiffe im Hafen von Tsingtao, zur
Feier von Kaisers Geburtstag beflaggt.

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Bildnachweis (Kolonie und Heimat in Wort und Bild,13. Januar 1910)

Zu unterscheiden sind zwei Typen imperialistischer Herrschaft, die aber beide darauf ausgehen, auf Dauer eine Herrschaft über eine fremde Gesellschaft zu errichten.

Der erste Typus errichtet eine indirekte Herrschaft (informal empire), d.h. er erstrebt keine Territorialherrschaft über fremde Gebiete, sondern v.a. eine effektive Kontrolle der fremden Wirtschaft. Diese wird an den eigenen Interessen ausgerichtet und das fremde Land ist gezwungen sich auch politische Vorschriften machen zu lassen.

Der zweite Typus errichtet eine direkte oder formelle Herrschaft (formal empire), d.h. er erstrebt die Herrschaft über ein fremdes Gebiet, das militärisch besetzt und vom sog. "Mutterland" verwaltet wird. Es weht die Flagge der neuen, beherrschenden Macht. In diesem Falle spricht man von Kolonialismus, die beherrschten Gebiete heißen Kolonien.

Beispiele für eine indirekte Herrschaft europäischer Mächte über fremde Mächte: 


Ägypten wird faktisch britisch


Informelle Herrschaft über das Osmanenreich


Einbruch des Westens nach China
schule-bw.de


Die Reaktion Chinas bis 1911 auf den Einbruch des Westens
schule-bw.de

Aufgabenvorschläge

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5 - Mittel imperialistischer Politik  
 


Mittel imperialistischer Politik sind z.B. das Ausnutzen der Verschuldung fremder Staaten, die Gewährung von Krediten, die Entsendung von Militärberatern und die Lieferung von Militärgütern, Missionstätigkeit, die Lieferung von Nahrungsmitteln gegen Bedingungen, die Lieferung von hochtechnisierten Gütern, auf deren Ersatzteile man angewiesen ist, usw. Diese Mittel sind aber nur dann imperialistisch, wenn sie zum Zwecke der Beherrschung fremder Staaten eingesetzt werden. Die Anwendung militärischer Gewalt ist üblich.

Beispiel Militärhilfe unter


Deutscher militärischer Einfluss im Osmanenreich

Beispiel wirtschaftliche Durchdringung unter


Die Bagdadbahn

Aufgabenvorschläge

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6 - Wichtigste Kolonialmächte und kolonisierte Gebiete



Giraffe
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Bildnachweis (Kolonie und Heimat in Wort und Bild, 21. November 1909)

Wichtigste Kolonialmächte und kolonisierte Gebiete sind England, Frankreich und Russland (russische Binnenkolonisation). Zu spät gekommen sind Deutschland und Italien. Im Niedergang begriffene Kolonialmächte, die ihren Höhepunkt hinter sich haben, sind Portugal und Spanien. Kleinere Kolonialmächte sind die Niederlande und Belgien. Die USA legen den Schwerpunkt auf ein Informal Empire. Japan ist die einzige asiatische imperialistische Macht.

Afrika (Kap-Kairo-Linie; Faschoda-Krise) und Ozeanien werden fast völlig kolonisiert, Asien teilweise, teils wird es auch informell beherrscht ( Osmanisches Reich, China). Der Indische Ozean wird ein britisches Meer (Karte). Frankreich hat seinen Kolonialschwerpunkt in Nordafrika und Indochina (Karte).

Wie die Verhältnisse vor Ankunft der Europäer aussahen, war sehr verschieden. Folgende Beispiele geben eine kleine Vorstellung:


Schwierigkeiten beim Eisenbahnbau in China


Bassari in Bild und Wort
Ein Artikel aus dem Jahr 1904 aus:
Illustrirte Zeitung Nr. 3183, 30. Juni 1904
Gekürzte Fassung


Aufgabenvorschläge zum Basiswissen Imperialismus Punkt 1 - 7

  1. Arbeitsblatt Basiswissen Imperialismus (Punkt 1 - 7)

    Lade das Arbeitsblatt herunter und fülle es mit Hilfe des Basiswissentextes aus. Die Zwischenüberschriften im Text entsprechen den Überschriften in den Spalten des Arbeitsblatts.

  2. Erläutere deine Aufschriebe vor der Klasse, auch mit Hilfe von Karten. Insbesondere die Begriffe sind wichtig.


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7 - Aspekte des Imperialismus in Quellen

 
7.1 Argumente aus dem Jahre 1866 für eine deutsche Kolonialpolitik


"Erwacht nur einmal in Deutschland bei fortschreitender Machtentwicklung der Wunsch und das Bedürfnis nach überseeischem Besitztum, sind seine maritimen Mittel ausreichend, denselben zu schützen und zu verteidigen, so wird die Wahl der Örtlichkeiten zwar beschränkt, aber die Aufgabe keineswegs unausführbar sein. Es gibt im Indischen und im großen Ozean [Pazifik] noch verschiedene Inselgruppen, welche sich durch ihre hypsometrischen Verhältnisse, geographische Lage und Fruchtbarkeit des Bodens vollkommen zu Niederlassungen für weiße Arbeiter eignen würden. Das Bedenken gegen die klimatische Beschaffenheit der Mehrzahl jener Inseln fällt weg, wenn man wahrnimmt, welche merkwürdigen Veränderungen in dieser Beziehung der Fleiß und die Rührigkeit der Ansiedler in Singapore und Pulo-Pinang im malayischen Archipel hervorgebracht haben, auf Eilanden [Inseln], welche aus einsamen, wegen ihrer Gesundheitsfeindlichkeit verschrieenen und gemiedenen Waldwüsten zu beliebten Gesundheitsstationen für die reichen weißen Bewohner der Inselwelt Ostasiens wurden. Freilich dürften die Staatsmänner Deutschlands nicht gar zu lange mehr zögern und über die brennenden Fragen der Gegenwart nicht die Zukunft allzu sehr aus dem politischen Auge verlieren; denn die Engländer nehmen geräuschlos.aber systematisch eine um die andere herrenlose Insel in Besitz, wie sie dies noch in neuester Zeit mit der Andomanen-Gruppe im Meerbusen von Bengalen getan haben, oder sie lassen sich, wie von den herrlichen Fidschi- Inseln durch einen einflussreichen Missionar ein verdächtiges Protektorat [Schutzherrschaft, Schutzgebiet] antragen, während der Kaiser der Franzosen [Napoleon III.] mit seinem unwiderstehlichen Hang zu Annexionen unaufhörlich bemüht ist, geografisch oder handelspolitisch wichtige Punkte, wie jüngst erst Neukaledonien und die Loyalitätsinseln, sich anzueignen."


Textnachweis
Karl von Scherzer (Ritter von): Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857 ..., Zweiter Band , S. 289.


Aufgaben:
  1. Welche Voraussetzungen für deutschen Kolonialbesitz werden genannt?

  2. Mit welchen Argumenten wird hier für deutschen Kolonialbesitz geworben? Nenne weitere Argumente, die damals vorgebracht wurden.

  3. Stelle den hier genannten Vorteilen von Kolonien mögliche Nachteile gegenüber. Unterscheide nach wirtschaftlichen, politischen und anderen Nachteilen.

  4. "Freilich dürften die Staatsmänner Deutschlands nicht gar zu lange mehr zögern und über die brennenden Fragen der Gegenwart nicht die Zukunft allzu sehr aus dem politischen Auge verlieren": Welche waren die brennenden Fragen der Gegenwart des Jahres 1866?


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7.2 Gründung der Kolonie Neu-Süd-Wales (Australien)


Gründung der Kolonie Neu-Süd-Wales (Australien)
schule-bw.de

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7.3 Australien als Beispiel britischer Kolonialpolitik



Aus dem Zweiten Band dieses Buchtitels stammt der folgende Text.
Abgebildet ist die Fregatte Novara
Absolut lesenswert!
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Bildnachweis

Der folgende Text stammt aus einem Buch über die Weltreise der österreichischen Fregatte "Novara" im 18. Jahrhundert. Geschildert werden die Verhältnisse vom Dezember 1858.

"England hat es besser als Deutschland verstanden, die Kräfte seiner emigrierenden Söhne sich auch in fremden Weltteilen nutzbringend und dienstbar zu erhalten.; es nahm sich der Auswanderer fürsorgend an, dehnte seine Unterstützung und seinen Schutz auch auf deren Adoptivheimat aus und betrachtete jede neue Niederlassung nur als eine Erweiterung der Grenzen des britischen Reiches, als eine Vermehrung der Abzugsquellen [=Absatzmärkte] für seine Fabrikate, als einen neuen Stapelplatz für seinen Handel! In allen Teilen der bewohnten Erde wurden auf diese Weise englische Kräfte tätig, die Bedürfnisse des einheimischen Marktes an Naturprodukten der mannigfaltigsten Art zu befriedigen und dafür im Austausch englische Manufakte [= Waren] zu beziehen. Englische Schiffe wurden die Vermittler des Welthandels und das englische Idiom [= Sprache] wurde die Nationalsprache aller Seefahrer.

Australien [...] bietet in dieser Beziehung von allen britischen Kolonien das belehrendste Beispiel. [...]

Ursprünglich zu einer Strafkolonie für auf Lebensdauer verurteilte Verbrecher bestimmt und durch diese bedenklichen Elemente gegründet, ist das herrliche Land jetzt eine der reichsten und wichtigsten Kolonien der britischen Krone, und in der Nähe jener Stelle, wo am 28. Januar 1788 850 Sträflinge landeten, um dort dauernd ihren unfreiwilligen Aufenthalt zu nehmen, erhebt sich gegenwärtig [...] eine Stadt von solchem Glanze [= Sydney] [...], dass man ihr den Beinamen "Königin des Südens" [...] gegeben hat.

Die Bevölkerung der Stadt und Umgebung ist bereits auf 94.000, jene der ganzen Kolonie schon auf 360.000 Seelen gestiegen; der Handel hat eine derartige Höhe erreicht, dass seine Vermittlung über 1.000 Schiffe mit 18.000 Mann Schiffsvolk beschäftigt und der Wert der jährlich ausgeführten Produkte und importierten Manufakte [= Waren] zusammen mehr als 120 Millionen Gulden beträgt! Die Entdeckung reicher Goldfelder in der benachbarten Kolonie Victoria hat allerdings wesentlich zu diesem riesigen Aufschwung beigetragen und die Einwanderung beträchtlich vermehrt, aber die Entwicklung des Landes ist auch in jenen Teilen nicht minder großartig, wo sich die Bevölkerung der sicheren und solideren Beschäftigung des Ackerbaues und der Viehzucht hingibt. Die Wollproduktion Australiens, welche im Jahre 1820 kaum 1.000 Zentner betrug, hat sich jetzt auf beinahe 50 Millionen Pfunde erhoben, sie wetteifert an Menge und Qualität mit dem gleichen Erzeugnisse des Kaplandes und ist ein gefährlicher Konkurrent für jene europäischen Länder geworden, deren Wollernte sonst am englischen Markte auf so vorteilhaften Absatz rechnen konnte
." (Karl von Scherzer, Bernhard von Wüllerstorf- Urbair: Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde, Zweiter Band, Wien, 1866, S. 202)


Textnachweis

Aufgaben:
  1. Wieso besitzt Österreich im Jahre 1858 eine Fregatte, also ein Kriegsschiff? Werfe eine Blick auf die Karte.

  2. Worin sieht der Autor den Vorteil der Kolonie Australien für Großbritannien?

  3. Was ist im ersten Satz des Textauszuges mit den "emigrierenden Söhnen" Deutschlands gemeint? 

  4. Ist der erste Absatz als Appell für eine deutsche Kolonialpolitik zu verstehen? Begründe deine Meinung.


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7.4 Gründung Singapores



Singapore um 1860
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Bildnachweis

"Die Insel Singapore oder Singhapura [Löwenstadt von Singha = im Sanskrit "Löwe" und pura = Stadt] ist an der südlichen Spitze der Halbinsel Malakka gelegen, von welcher sie bloß durch eine durchschnittlich kaum eine Meile breite Wasserstraße getrennt ist. [...]

Bis zum Jahre 1819 war Singapore eine öde Waldwüste und die einzige Ansiedlung auf derselben bestand aus ein paar armseligen malayischen Fischerhütten, der Schlupfwinkel von Piraten, welche zu jener Zeit die Schifffahrt in diesen Gewässern so gefährlich machten. Da wurde nach der Zurückgabe der holländischen Kolonien im indischen Archipel, welche bekanntlich während des ganzen europäischen Kontinentalkrieges bis zum Jahre 1814 im Besitze Englands geblieben waren, der frühere britische Gouverneur von Java, Sir Stamford Raffles, damit beauftragt, den geeignetsten Punkt in den malayischen Gewässern zur Gründung eines freien Emporiums namhaft zu machen, wo sich der allgemeine Verkehr aller handeltreibenden Völker konzentrieren und entwickeln könnte. England verband damit die Absicht, die seinen Interessen feindlichen Holländer in diesen Gewässernkeinen festen Fuß fassen zu lassen, ein Depot zur Ansammlung für die zum Austausch gegen Tee und Seide in China so wichtigen Produkte des Archipels zu gewinnen, und endlich einen geeigneten Hafen zur Aufnahme und Ausbesserung seiner Kriegsschiffe und Kauffahrer zu besitzen, welcher, in der Nähe von Teakholz liefernden Ländern gelegen, zugleich den Vorteil bieten sollte, seine Kriegsschiffe zu einer Zeit mit Baumaterial zu versehen, wo an Eichenholz in England bereits Mangel eintrat.

Nachdem anfänglich die Aufmerksamkeit Sir Stamford`s auf verschiedene Lokalitäten gerichtet war, fiel endlich seine Wahl auf Singapore, und bereits am 6. Februar 1819 wehte die englische Flagge von der einsamen Insel, weithin der seefahrenden Welt den Beginn einer neuen Ära verkündend! Indes kam erst im Jahre 1824 der Konzessionsvertrag zustande, wonach Holland seine Ansprüche an England abtrat und Singapore, bisher das Besitztum des Sultans von Djohore, gegen eine Summe von 60.000 spanischen Dollars unbd einer jährlichen Leibrente von 24.000 Dollars völlig in den Besitz Englands überging. Die Sklaven auf der Insel erhielten die Freiheit, alle Monopole wurden abgeschafft und Singapore zum Freihafen erklärt. [...]

Gegenwärtig ist die Bedeutung aller dieser Häfen [nennen] nur mehr eine historische, während Singapore durch seine außerordentlich günstige geografische Lage und den liberalen Geist seiner politischen Institutionen einen Aufschwung genommen hat, welcher völlig beispiellos dasteht in der Geschichte des Welthandels. Von einem wüsten, dem Verkehr feindlichen Versteck beutegieriger Seeräuber hat sich die Insel in ein blühendes Emporium verwandelt; an 1000 fremde Schiffe und über 3000 malayische Prahus und chinesische Dschunken laufen jährlich mit Waren und Produkten aller Art beladen ein und aus, und an 110 Millionen österr. Gulden beträgt der Gesamtwert der jährlich daselbst getauschten Güter! Das hat eine klug berechnete freisinnige [=liberale] Handelspolitik aus einem öden, ungesunden, malayischen Piratennest zu Stande gebracht! Wenn noch ein Zweifel über die glänzenden Resultate eines möglichst freien und ungehinderten Verkehres zwischen Handel treibenden Nationen bestehen könnte, so müsste er durch das Schauspiel gehoben werden, welches sich dem Auge des erstaunten Besuchers im Hafen von Singapore, dem Alexandrien des 19. Jahrhunderts, darbietet!"


Textnachweis
Karl von Scherzer (Ritter von): Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857 ..., Erster Band , S. 451


Aufgaben:
  1. Welche Vorteile versprechen sich die Briten von der Kolonie Singapore?

  2. Wie wird Singapore britisch? Vergleich  oben mit der britischen Kolonie Neu-Süd-Wales (Australien): Wie wird Neu-Süd-Wales britisch?

  3. " Das hat eine klug berechnete freisinnige [=liberale] Handelspolitik aus einem öden, ungesunden, malayischen Piratennest zu Stande gebracht!"

    Erläutere diesen Satz. Was bedeutet liberale Handelspolitik? Inwiefern wurde diese in Singapore umgesetzt? Welche Erfolge sind zu verzeichnen?


  4. Singapore und Neu-Süd-Wales (Australien) repräsentieren 2 verschiedene Typen von Kolonien. Versuche durch einen Vergleich der Gründungsabsichten und -umstände herauszufinden, welche.


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7.5 Bevölkerung, Eisenbahn, Post- und Telegrafenanstalten in den deutschen Kolonien

 

Bevölkerung, Eisenbahn, Post- und Telegrafenanstalten in den deutschen Kolonien
Stand 1909. Anklicken für Vergrößerung 
Bildnachweis  (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 13. März 1910)

Bericht 1
"Da die Entwicklung der Kolonien als Rohstofflieferanten und Absatzgebiete gerade mit der Entwicklung der Verkehrswege steht und fällt, so soll hier der Stand des Eisenbahnbaus nach den neusten amtlichen Feststellungen hier wiedergegeben werden. Er ergibt sich aus folgender Übersicht:


Im Betrieb

Im Bau

Anfang 1909 Ende Anfang 1909 Ende

Kamerun

---   km 108 km 520 km 412 km

Togo

161 km 196 km 175 km 143 km

Südwestafrika

1.486 km 1,599 km 113 km ---   km

Ostafrika

338 km 464 km 744 km 791 km


Summe


Quellennachweis (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 13. März 1910)

Bericht 2
"Schon in den Pugubergen, 20 km hinter Daressalam, zeigte es sich, dass die ostafrikanischen Straßen, die vorher keines Wagens Räder je berührt [hatten], für solche Transporte unzulänglich waren. Der Karren musste erleichtert werden. Die entladenen Gepäckstücke wanderten auf die Schultern der Träger, welche, durch Zurücklassung eines Zeltes freigemacht, gänglich waren. Mit nahezu völlig leerem Wagen und mit insgesamt 12 Trägern zogen die beiden Familien weiter. Nach 12tägiger Reise, während welcher die des Klimas - mit Ausnahme ihres Führers - ungewohnten Leute, stetes im freien nächtigten und mit primitivster Eingeborenennahrung ihr Leben fristeten, erreichte die Karawane Morogoro. Beide Frauen waren bereits von Fieberanfällen heimgesucht und litten außerdem an Dysentherie."

Quellennachweis (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 13. Februar 1910)



Originale Bildunterschrift: Sieg der Kultur
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Bildnachweis  (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 13. Februar 1910)


Aufgaben:
  1. Zeige die in der Grafik eingetragenen deutschen Kolonien auf der Karte.

  2. Errechne für jede Kolonie, wie viele Prozent der Anteil der weißen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung beträgt. Wie viele Post- und Telegrafenanstalten gibt es 1909 in den deutschen Kolonien? Rechne in der Tabelle die Summen der Bahnkilometer aus.

  3. Welchem Zweck dient der Eisenbahnbau gemäß Bericht 1?

  4. Mit welchen Beschwernissen hatte sich der Reisende in Ostafrika gemäß Bericht 2 vor dem Bahnbau auseinander zu setzen? 

  5. Teilst du die in der Bildunterschrift ausgedrückte Meinung? Begründe.

  6. Würdest du im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau und mit dem Bau von Post- und Telegrafenstationen von "Entwicklung" oder von "Ausbeutung" der Kolonien sprechen? 

    Was wäre passiert, wenn die Europäer diese Maßnahmen nicht ergriffen hätten?


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7.6 Schwierigkeiten beim Eisenbahnbau in China


"Die Straße war voller Löcher und nicht mehr als zwei bis drei Meter breit. Sie unterschied sich in nichts von allen anderen Landstraßen im riesengroßen Reich: Die Bauern brauchten keine modernen Wege, wie sie die Weißen besaßen. Ihnen genügten die einfachen, meist nicht mehr als zwei Fuß breiten Pfade, die vom Heimatdorf zu den Äckern der Lebenden und Toten führten. Große Wagen waren unbekannt; kleine Karren, bei denen das einzige Rad nicht am Ende des Gefährts, sondern genau in der Gestellmitte rollte, hatten bereits vor Jahrtausenden den Ahnen genügt; Hochzeitssänfte und Sarg ließen sich genau so gut auf einem schmalen Pfade tragen wie auf einer breiten Straße, die dem fleißigen Bauern doch nur den wertvollen Boden wegnahm.

Einen Steinwurf weit von der Landstraße entfernt zog sich der Damm mit dem Schienenstrang hin, vernachlässigt, ohne die gewissenhafte Pflege, die man in den Ländern der Weißen diesen so wichtigen Verkehrslinien schenkt. Die Schotterung des Untergrundes war ungleichmäßig angelegt; ganz selten nur lockerten die Hacken der Bahnarbeiter die Steine auf, allenthalben wuchs Gras und Unkraut, und die Schrauben und Laschen waren verrostet.

Auch diese Teufelswege, diese Eisenschienen, die wie bösartige Drachengeister auf die Dörfer der Bauern zuliefen, gehörten zu den ungeheuerlichen und sündhaften Errungenschaften, welche die Europäer ins Land gebracht hatten.

Während die Jungen flott die Landstraße entlang schritten, kamen sie auf die eigenartigen Widerstände zu sprechen, die vor allem das Landvolk der Einführung der Eisenbahn entgegengebracht hatte. War es doch überall im Reich der Mitte zu Aufständen gekommen, und oft genug hatten die erregten Empörer das Werk der weißen Ingenieure zerstört.

Johannes schüttelte missbilligend den Kopf: "Aber ein Land braucht doch Eisenbahnen. Das weiß in Europa bereits jedes Schulkind!"

Felix stimmte dem Bruder zu: Die Chinesen hatten eigentlich große Landstraßen und Bahnlinien noch notwendiger als die Europäer, weil ihr Reich ja viel größer als jedes andere Land der Erde war. Aber in diesem ungeheuren Land, dem größten Bauernreich der Welt, kümmerten sich die Bauern nicht um das, was außerhalb ihrer Dorfgemeinschaft geschah. Sie lebten nur für ihre Familie, für ihre Äcker, die schon die Vorväter an der gleichen Stelle bearbeitet hatten. Der Hass gegen die Eisenbahn war hauptsächlich deshalb gekommen, weil viele Ingenieure keine Rücksicht auf die Grabstätten der Dörfler genommen hatten.

Johannes unterbrach den Bruder und plauderte nun über das, was er im Laufe der Jahre gehört hatte. Hierzulande galt ein unerbittlich strenges Gesetz: Wer die Ruhe der Toten störte, wurde als der schlimmste Frevler an der menschlichen Gemeinschaft bestraft. Die Verstorbenen, so dachte der Chinese, waren ja nicht tot: Sie sahen alles, sie hörten alles, sie nahmen noch immer an allem teil, was in ihrer früheren Welt geschah. Deshalb legte man auch Speisen und andere Gaben auf die Grabhügel: Die Ahnen gehörten nach wie vor zur Familie der Lebenden.

Kein Wunder, dass die Bauern die Bahnlinien und Dämme zerstörten, die über die Felder der Toten führten. Viele Ingenieure und Arbeiter wurden in den letzten Jahrzehnten von der erbitterten Bevölkerung erschlagen. Die Regierung musste häufig genug Wachen aufstellen, um die Verkehrslinien zu schützen." (S. 118 ff.)

[...]

"Ein Sarg stand vor dem Hause. Aber dieses Bild konnte den Jungen  keineswegs erschrecken. Totenladen vor den Wohnungen oder einsam mitten in einem Feld gelegen, waren hierzulande ein alltäglicher Anblick. Dieser Brauch hatte für einen Chinesen schon den rechten Sinn: Die "Glück verheißende Stunde" der Erdbestattung war noch nicht ermittelt. Diese Aufgabe hatten besonders geschulte Totenmönche zu erfüllen. Sie bestimmten nach Zahlung einer bestimmten Summe das Fengshui, das heißt, sie stellten auf Grund oft langwieriger Berechnungen den Grabplatz fest, an dem der Tote vor den bösen Geistern des Wassers und des Windes ungestört ruhen konnte. Ehe aber dieser rechte Ort gefunden war, vergingen oft Wochen und Monate, ja nicht selten sogar Jahre.

Oh, man brauchte keine Furcht vor dem zerfallenden Körper zu haben: Der Tote belästigte während dieser langen Zeit seine Anverwandten nicht. Sie hatten treu und gut für ihn gesorgt. Er lag in einer dicken Kalkschicht eingebettet, die Bohlen der Sargbretter waren ungewöhnlich dick und schwer und mit einer dichten Lackschicht überschmiert.

War endlich das Frieden schenkende Fengshui bestimmt, so wurde der Tote auf ein Feld hinausgetragen. Nicht immer war es jenes, das seiner Familie gehörte; häufig genug war der Acker Eigentum einer anderen Sippe, die aber stillschweigend, und ohne Entgelt zu fordern, die Bestattung auf ihrem Eigentum zuließ.

Die Äcker Chinas sind mit unzähligen Grabhügeln übersät. Auf dem Weizenfelde der Familie Wu schlief der Bauer Si, und im Reisfeld der Sippe Si ruhte irgendein Wu. "Im Reich der Mitte nehmen die Toten den Lebenden das Land weg!" heißt ein chinesisches Wort. Trägt doch mancher Acker Dutzende von Gräbern; alle sind, wie das Gesetz es vorschreibt, ohne besonderen Schmuck; eine dichte Grasnarbe bedeckt den kreisrunden Hügel, unter dem der Verstorbene schlummert. Um das Grab aber wachsen Reis, Hirse, Mais und Sojabohnen unbekümmert zur Reife und Ernte heran." (S. 143)

[...]

"In der chinesischen Landschaft stehen viele Götterwohnungen. Der Glaube des Volkes kennt Millionen heiliger und unheiliger, nützlicher und schädlicher Geister. Himmel, Erde und Wasser sind von ihnen belebt. Und vielen ist ein Tempel oder Tempelchen geweiht. da ist der Kriegsgott, der Gott der Unterwelt, der Beherrscher der Hölle, da sind die Götter, die die Schwarzen Blattern, die Hungersnöte und die Überschwemmungen fernhalten, die Gottheiten der Seidenraupenzucht, der Hirse, des Weines - der Diebe, der Erschlagenen, der Gehenkten ... Wer mag all ihre Namen und wer ihre Zahl nennen! Unzählige Tempel und Tempelchen stehen in den Landschaften des ungeheuren Reiches.

(Aus: Hanns Maria Lux: Felix und die Gesellschaft der Roten Laternen, Reutlingen, ohne Jahresangabe, S. 152. Es handelt sich um ein Jugendbuch.)


Aufgabenvorschläge zum Text "Schwierigkeiten beim Eisenbahnbau in China"
  1. Verfasst ein Streitgespräch zwischen chinesischen Bauern und europäischen Ingenieuren bzw. deren Dolmetscher. Die Bauern wollen den Eisenbahnbau verhindern, die Ingenieure wollen eine Eisenbahn bauen.
    Greift auf Argumente zurück, die der Text liefert.

  2. Die Chinesen verfügen heute über modernste Technik und sind zu einer der großen Wirtschaftsnationen der Welt geworden. Welche geistigen Veränderungen setzte das offenbar voraus?


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7.7 Opiumhandel in China



Chinesen (Genrebild des 19. Jahrhunderts)
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Der folgende Text stammt aus einem Reisebericht aus dem Jahre 1866 über die Forschungsexpedition der österreichischen Fregatte "Novara" um die Erde:

"Das Opium [...] war bekanntlich bis zum Jahre 1859 ein Monopol der Regierung von Britisch- Indien, wurde unter der Aufsicht der Agenten der letzteren in verschiedenen Provinzen Ostindiens [an]gebaut und durch den öffentlichen Verkauf großer Quantitäten [Mengen] auf den Märkten von Kalkutta und Bombay in den Handel gebracht. Es scheint bei den Chinesen die Stelle der verschiedenen geistigen Getränke [= alkoholische Getränke] der Europäer zu vertreten [...]. Dagegen gewinnt der Genuss von Opium immer mehr an Ausdehnung und die jährlich nach China eingeführte Menge verdickten Mohnsaftes beträgt 75 - 80.000 Kisten oder Chests, welche, je nach dem Tagespreise, einen Geldwert von 76 bis 100 Millionen Gulden repräsentieren! [...]

Die Sitte der Chinesen, Opium zu rauchen, ist verhältnismäßig eine moderne. Erst zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts fing man in China an, Opium mit Tabak vermengt als Schmerzmittel gegen Zahn-. Kopf- und Leibschmerzen zu gebrauchen. Chinesische Matrosen und Kaufleute, welche von den Inseln des Archipels zurückkehrten, hatten es daselbst von den Eingeborenen als eine betäubende Substanz einatmen gelernt, um sich eine Zeit lang, der Wirklichkeit entrückt, die wunderlichsten, beseligendsten Träume vor Augen zu führen. Unstreitig hat das Weinverbot bei den Dienern des Korans zuerst die Aufmerksamkeit auf diese betäubende Substanz gerichtet, welche die Vorderasiaten in Pillen verschlucken, die Hindus kauen und die Chinesen rauchen. 

Im Jahre 1750 wurden zu diesem wie zum Zwecke medizinischer Verwendung nach amtlichen Angaben 200 bis 250 Kisten Opium (zu 150 Pfund), und zwar größtenteils durch portugiesische Kaufleute aus der Türkei, aus Persien und Bengalen eingeführt. Nichts war dem Reichen willkommener als ein Mittel, das ihm in den Intervallen seiner Schwelgereien die Zeit so wohlig vertrieb, wo er, gleichsam aller Sorgen unbewusst, sich im süßesten Schlummer wiegen mochte!


Im Jahre 1773 unternahm es die englisch- ostindische Compagnie, eine kleine Menge Opium versuchsweise nach China zu senden. Sieben Jahre später gründete sie ein Depot für Opium in Lark`s Bai.

Im Jahre 1781 machte die Compagnie eine Sendung von 2.800 Kisten (zu 140 Pfund) Opium nach Kanton, welche daselbst von einem Hong oder Mitglied der chinesischen Hansa gekauft wurden. Dieser war jedoch gezwungen, den größten Teil davon wieder auszuführen, indem es in jener Zeit in China für eine so große Menge Opium noch keinen Absatz gab.

Regelmäßige Sendungen dieser wichtigen Droge von Seiten der ostindischen Compagnie nach China geschehen erst seit dem Jahre 1798, wo von Kalkutta aus 4.170 Kisten für Rechnung der Gesellschaft nach China geschickt und dort [...] verkauft wurden.

Seit jener Zeit steigerten sich Einfuhr und Verbrauch in geometrischer Progression, und eine uns vorliegende, von Dr. Medhurst mit großem Fleiße entworfene Tabelle belehrt uns, dass vom Jahre 1798 bis 1855 im Ganzen 1.197.041 Kisten Opium aus Bengalen eingeführt wurden, welche der englisch- ostindischen Compagnie nach Abschlag aller Erzeugungs- und Transportkosten einen Gewinn von 678.518.534 Gulden österreichischer Währung einbrachten!

Bei den glänzenden Vorteilen, welche der Opiumhandel ostindischen Kaufleuten sowohl als ihren in China angesiedelten Kollegen gewährt, kümmert man sich ebenso wenig um die verschiedenen Proteste der chinesischen Regierung als um die zahlreichen Anatheme [hier: Bannflüche], welche englische Missionare und Philanthropen [Menschenfreunde] gegen den Opiumhandel und das Opiumrauchen schleuderten. Die sich täglich mehr bereichernden Kaufherren begnügten sich, die heftigen Anklagen ihrer Gegenspieler mit der knappen Bemerkung zu beantworten, dass sie nur bemüht seien, ein aus einer nationalen Sitten entspringendes Bedürfnis zu befriedigen, und dass man den Chinesen wohl ebenso wenig verbieten könne, Opium zu rauchen, als den Europäern, sich dem Genusse geistiger Getränke hinzugeben. Beide, meinten sie weiter, wirken nur durch Unmäßigkeit schädlich, und selbst in einem solchen Falle führe das Opium keine so furchtbaren Verheerungen im Organismus, keine so rasche Katastrophe herbei. 

[... Es dürfte] wenigstens tröstlich sein zu erfahren, dass die Zahl der Opiumraucher in China nach den besten Schätzungen unter einer Gesamtbevölkerung von 400 Millionen Menschen kaum mehr als vier bis fünf Millionen beträgt [...].

Sprachlich vorsichtig modernisiert. Aus: Karl Scherzer (Ritter von): Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, Zweiter Band, S. 121 ff.


Textnachweis

Aufgaben:
  1. Wie steht der Verfasser des Textes zum Opiumhandel? Begründe.

  2. Stelle die Opiumeinfuhr nach China in einem Balkendiagramm für die Jahre 1750, 1781 und 1798 in einem Balkendiagramm dar. 

    Teile die Anzahl der importierten Kisten der Jahre 1798 - 1855 durch die Anzahl der Jahre, um auf eine Durchschnittszahl zu kommen, und vergleiche mit den Zahlen von 1798. Was wird bei dem Durchschnitt nicht berücksichtigt? Welche Entwicklung wird deutlich?

  3. Wer unterstützt den Opiumhandel? Wer ist dagegen? Warum?

  4. Wie viele Prozent der Bevölkerung Chinas rauchen nach diesen Angaben Opium? Ist das tröstlich?

  5. Schreibe einen kurzen Leserbrief an eine Zeitung, in welchem du gegen die Argumente der Opiumhändler im vorletzten Absatz Stellung beziehst.


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7.8 Die Verträge von Tientsin (Tianjing) 1858 und Peking 1860



Hauptportal der englischen Gesandtschaft in Peking im 19. Jahrhundert
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Der Erste Opiumkrieg (1839–1842) hatte China zur Öffnung wichtiger Häfen und insbesondere zur Duldung des Opiumhandels gezwungen.  

Der Vertrag von Tientsin (Tianjing) 1858 beschließt die erste Phase des Zweiten Opiumkrieges (1856 - 1860)

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"Während wir noch im Hafen von Hongkong vor Anker lagen, brachte ein Extrablatt des in Shanghai erscheinenden "North-China-Herald" die Kunde, dass am 26. Juni 1858 der Friedensvertrag mit England von Lord Elgin und den kaiserlichen [chinesischen] Kommissären zu Tien- Tsin unterzeichnet und nach Peking geschickt worden sei, damit diesem wichtigen Dokumente die eigenhändige Unterschrift des Kaisers beigefügt werde. Dieser 56 Punkte umfassende Vertrag gestand den Engländern weit mehr Rechte zu, als sie jemals früher besessen hatten. Namentlich sollte von nun an ein englischer Gesandter mit allen seinem Range gebührenden Ehren am Hofe von Peking residieren dürfen, die christliche Religion ungehindert geübt und gelehrt werden. Britische Untertanen mögen mit von ihren Konsuln ausgestellten und von den chinesischen Lokalbehörden gegengezeichneten Pässen entweder zum Vergnügen oder zu Handelszwecken das chinesische Reich in allen Richtungen durchziehen, die Schifffahrt des Yang-tse-kiang oder großen Flusses wird freigegeben, und außer den bereits durch den Frieden von Nanking dem fremden Handel geöffneten fünf Häfen sollen die Engländer von nun an auch in [weiteren Häfen] ungestört Handel treiben, sich daselbst niederlassen, Häuser mieten und kaufen, Kirchen, Spitäler und Friedhöfe errichten dürfen. Chinesen, welche sich irgend eines Vergehens oder Verbrechens gegen englische Untertanen schuldig machen, sollen durch einheimische Behörden nach den Gesetzen des Landes bestraft, englische Untertanen dagegen in einem solchen Falle von britischen Autoritäten nach britischen Gesetzen gerichtet werden. Alle offiziellen Mitteilungen von Seite der englischen Behörden müssen in englischer Sprache an die Regierung des Reiches der Mitte [China] geschehen, und obschon dann noch von einer chinesischen Übersetzung begleitet, soll doch in jedem zweifelhaften Fall der Text des englischen Originals als maßgebend zu gelten haben. [...] Dagegen schweigt der Vertrag von Tien-Tsin gänzlich, ob der Opiumhandel, jener Hauptstreitpunkt und die erste Ursache der verschiedenen Kriege, von nun an verboten oder erlaubt werden solle. Es wird bloß einer Revision des Zolltarifs Erwähnung getan. Offenbar glaubten die britischen Bevollmächtigten eher zum Ziele zu gelangen, wenn sie diese heikle Frage auf eine andere, minder ostensible Weise zu erledigen versuchten. [...] Statt die Gemüter in China neuerdings aufzuregen und durch ein solches offenes Zugeständnis das Ansehen des chinesischen Kaisers bei seinem eigenen Volke noch mehr zu untergraben und trotz Friedensbeteuerungen die Behörden des Reiches noch feindseliger und ränkesüchtiger gegen die Fremden zu stimmen, zog der kluge englische Bevollmächtigte es vor, das Opium stillschweigend unter die andern Einfuhrartikel in den neu revidierten Tarif aufzunehmen und ganz wie diese zu behandeln."


Textnachweis
Karl von Scherzer (Ritter von): Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857 ..., Zweiter Band , S. 22f.

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Die zweite Phase des Zweiten Opiumkrieges: Der Vertrag von Peking 1860

"Die Ereignisse, von welchen China bald nach Unterzeichnung dieses Vertrages der Schauplatz wurde, das feindselige Benehmen der Mannschaft  der Taku-Forts, der bewaffnete Widerstand, welchen man dem britischen Gesandten entgegensetzte, als dieser, den Stipulationen des neuen Vertrages gemäß, sich anschickte, nach Peking zu reisen, alles deutete darauf hin, dass es den Chinesen auch diesmal mit ihren Friedens- und Freundschaftsversicherungen nicht Ernst war.

Seit jener Zeit hat eine Armee von kaum 20.000 Europäern einer Bevölkerung von mehr als 400 Millionen Asiaten in ihrer unbesiegbar geglaubten Hauptstadt den Frieden diktiert, und am 24. Oktober 1860 unterzeichnete Lord Elgin neuerdings einen Vertrag, welcher sämtliche in dem zu Tien-Tsin vor zwei Jahren getroffenen Übereinkommen enthaltenen Bestimmungen bestätigt, das Recht des permanenten Aufenthaltes eines britischen Gesandten in der Hauptstadt des chinesischen Kaiserreiches sowie eine Kriegsentschädigung von 8 Millionen Taels zugesteht, den Hafen von Tient-Tsin dem fremden Handel öffnet, den chinesischen Untertanen ungehindert gestattet auszuwandern und in britischen Kolonien Dienste zu nehmen, einen Teil des Distrikts von Koloang (Cow-Loon) auf dem der Insel Hongkong gegenüber liegenden Festlande an Großbritannien abtritt und für ewige Zeiten einverleibt, und endlich verordnet, dass der Originalvertrag sowie die verschiedenen Zusätze in allen TTeilen des Reiches durch Plakate öffentlich bekannt gemacht werden sollen.

Noch niemals früher hatte das chinesische reich solche Demütigungen erfahren. Zwar musste schon unter der Regierung des vorigen Herrschers Tao-kuang (Vernunftlicht) das tausendjährige System völliger Abschließung aufgegeben werden, aber Zugeständnisse, wie sie den westlichen Nationen durch die Verträge von Tien-Tsin und Peking und Peking gemacht worden sind, sind unerhört in der Geschichte des Reiches der Mitte und geben um so deutlicher von seiner Schwäche und seinem Verfall Zeugnis, als der gegenwärtige Himmelssohn [=Kaiser] Hien-fung ein eifriger Anhänger der altasiatischen Lehre und Staatsweisheit ist. Nur äußerste Not und Bedrängnis konnten ihn bewogen haben, vor den Barbaren des Westens die Waffen zu strecken und zu dulden, dass der Feind in seiner, fremden Nationen bisher unzugänglich gewesenen, Hauptstadt die Bedingungen des Friedens diktierte
."


Textnachweis
Karl von Scherzer (Ritter von): Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857 ..., Zweiter Band , S. 23f.


Aufgaben:
  1. Stelle die Ergebnisse des Friedensvertrages von Tien-Tsin und Peking in einer Tabelle einander gegenüber. Unterstreiche, welche weiteren Erschwernisse China durch den Vertrag von Peking gegenüber dem Vertrag von Tien-Tsin akzeptieren muss.

  2. Spiele ein fiktives Gespräch zwischen einem britischen und einem chinesischen Diplomaten durch, bei dem beide Seiten zu den einzelnen Bestimmungen der Verträge Stellung nehmen. Die Position der britischen Opiumhändler und der britischen Missionare sind oben im Abschnitt  "Opiumhandel in China" hier zu finden.

  3. Wieso endete der Zweite Opiumkrieg nicht nach dem Frieden von Tien-Tsin, sondern ging weiter?

  4. Notiere in Stichworten die Beurteilung des Friedens von Peking durch den Verfasser des Textes und nimm dazu Stellung.

  5. Vor welcher Aufgabe steht die Regierung in Peking nach den Verträgen von Tien-Tsin und Peking? Welche Schwierigkeiten werden sich dabei wahrscheinlich auftun?


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7.9 Die Bagdadbahn



Die Bagdadbahn
Die Bagdadbahn war ein zentrales Strukturprojekt des Osmanenreiches. Der hier verlinkte Artikel aus dem Jahr 1911 zeigt die imperialistischen Hintergründe.


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7.10 Die christliche Mission in Deutsch- Ostafrika



Katholische Mission Karema am Tanganjikasee
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Bild- und Quellennachweis (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 13. März 1910)

"Wenn wir die eingeborenen unserer Kolonien schildern, so geschieht dies hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Erziehung zu brauchbaren Mitarbeitern bei unsern wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen. Bei Erörterung dieser unserer Bestrebungen dürfen wir nicht die Arbeit vergessen, welche die Missionen in dieser Hinsicht namentlich auch in Ostafrika gelistet haben.

Soweit die Bekehrung der Eingeborenen zum Christentum in Frage kommt, ist die Aufgabe der Missionen in Ostafrika nicht leicht. Der intelligentere Teil der Bevölkerung ist vom Geist des Islam durchtränkt und christlichen Lehren schwer zugänglich, da diese dem ausschließlich aufs Materielle gerichteten Sinn des Negers weniger verständlich sind als die Lehren Mohammeds. Letztere sind dem Leben und Ideenkreis des Schwarzen viel mehr angepasst und bequemer als das Christentum, das den Schwarzen zwingt, liebgewordenen und althergebrachten Gewohnheiten zu entsagen, z.B. der Vielweiberei.

Dieser Erkenntnis wird von den Missionen in neuerer Zeit mehr als früher Rechnung getragen. Man sucht den Schwarzen die kulturelle Überlegenheit der weißen Rasse und damit ihrer religiösen Lehren verständlich zu machen, indem man sie durch praktische Schulung an ein sittlich höheres und tätigeres Leben zu gewöhnen beginnt und ihnen allerlei für sie selbst nützliche Handfertigkeiten beibringt.

[...] Erst wenn die Neger die Überlegenheit unserer Kultur der Arbeit und ihre Segnungen begriffen und sich in dieses etwas eingelebt haben, werden sie auch die Lehren des Christentums allmählich begreifen.

Schon jetzt haben die Missionen durch ihr Vorbild auf rein materiellem und sozialem Gebiet durch Anlage von Musterpflanzungen, Handwerkerschulen, auf dem Gebiet der Gesundheits- und Krankenpflege usw. Einfluss gewonnen und sehr nützliche Kulturarbeit geleistet. Wenn sie ihre Tätigkeit in der eben gezeichneten neueren Richtung fortsetzen, so werden sie unserer Kolonialarbeit wertvolle Dienste leisten, und sie selbst werden damit auch ihrem ursprünglichen, rein ideellen Ziel, der Ausbreitung der christlichen Lehre, um so rascher und sicherer näher kommen. [...]

Wichtig ist namentlich, dass die Missionen jederzeit den Schwarzen gegenüber das Ansehen der weißen Rasse hochhalten und die Wichtigkeit und Notwendigkeit aller Maßnahmen betonen, die auf die Nutzbarmachung des Landes unter Mitarbeit der Eingeborenen hinzielen und die letzten Endes auch zum Besten der Schwarzen selbst dienen.

Diesergestalt lernen die Neger die Europäer als ihre Lehrer und Führer, die es gut mit ihnen meinen, verstehen und achten. Wenn den Ansiedlern von den Missionen in dieser Richtung vorgearbeitet wird, so wird sich ein gesundes, ersprießliches Zusammenarbeiten der weißen und schwarzen Rasse mit der Zeit in Afrika schon herausbilden."

Quellennachweis (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 13. März 1910)

Aufgaben:
  1. Wie wird im vorstehenden Artikel die Aufgabe der Missionsarbeit definiert? 

  2. Worin bestand die im Artikel genannte Kulturarbeit der Missionen?

  3. Gab es eine Alternative zu handwerklicher, landwirtschaftlicher und gesundheitlicher Ausbildung für die Kolonisierten? Oder waren die Kolonialherren moralisch sogar  verpflichtet, diese Ausbildungen anzubieten?

  4. Kommentiere die Aussagen, die Europäer meinten es gut mit den Eingeborenen und es werde sich "ein gesundes, ersprießliches Zusammenarbeiten der weißen und schwarzen Rasse mit der Zeit in Afrika schon herausbilden".

  5. Gibt es nach deiner Kenntnis neben der Aufgabe der Vielweiberei noch andere kulturelle Gewohnheiten, die mit der Einführung des Christentums geändert werden müssen?


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7.11 Eine "kulturelle Begegnung" im kolonialen Afrika oder 
Wie funktioniert Rassismus?


Der folgende rassistische Schwank aus der Zeitschrift "Kolonie und Heimat im Wort und Bild" soll als Beispiel dafür dienen, wie Rassismus funktioniert.

"Auf einem Jagdausfluge an den Abhängen der stolzen Usambaraberge saßen vor ihren Zelten am gemeinsamen Tisch drei vergnügte Europäer. Ringsum kauerten in großer Zahl die neugierig herbeigeströmten Eingeborenen, während ihr Häuptling an den Tisch der Europäer getreten war, um das landesübliche Gastgeschenk (sawadi) - heute ein Körbchen Hühnereier - gegen einen ausgiebigen Schluck "dawa", d.i. Medizin, d.i. Kognak, freundlichst grinsend einzutauschen. Der Mann, Munyimwua mit Namen, zu deutsch "Herr des Regens", war als großer Zauberer in der Gegend bekannt, als solcher von seinen Leuten gefürchtet, und die Europäer am Tische waren jetzt nach beendeter Begrüßung bemüht, einen Beweis seiner "Zauberkraft" zu erlangen.

Schlau wich der geriebene Neger allen ihren Anspielungen aus, bis der eine von ihnen ihm kurzer Hand nahe legte: "Willst Du wirklich ein Zauberer sein, so zeige Deine Kunst. Wir sind selbst drei große Zauberer aus Uleie (Europa) und auch wir wollen Dir Beweise unseres Könnens geben. Wenn Du wirklich Regen machen kannst, wie Du behauptest, so lasse es regnen, aber bitte, sogleich!"

Hierzu müsse er seine Hilfsmittel haben, die er nicht bei sich führe, erklärte nun der in die Enge getriebene Munyimwua. 

"Allah!" meinte ein anderer der Weißen. "Du musst doch wohl auch andere Dinge können als nur das Regenmachen. Einem richtigen Zauberer darf nichts unmöglich sein. Sag`, kannst Du vielleicht Deine Zähne aus dem Munde nehmen? Nein? Da schau` her!" Sprach`s und legte sein herrlich weißes Gebiss auf die Tischplatte!

Allgemeines Erstaunen bei der schwarzen Korona, einschließlich Häuptling. Das Haupt des Negerhäuptlings deckte ein grauer Wollschopf.

Der zweite der weißen Herren zupfte ihn am Haar und sagte: "Wie ist`s mit Deinem Haar? Vermagst Du es von Deinem Haupt herabzunehmen, ohne Messer und Glasscherben zu gebrauchen, mit der Kopfhaut? Auch nicht? Sieh, für uns ist das eine Kleinigkeit!" - Und schon lag der prächtige schwarze Kopfschmuck des Sprechers neben dem Gebiss auf dem Tische und sein Haupt erglänzte in elfenbeinerner Kahlheit!

Die Augen Munyimwuas weiteten sich bereits bedenklich und die hockenden Neger waren aufgestanden, voll banger Scheu und sprachloser Verwunderung.

Da erhob sich langsam der dritte der Europäer, der bislang geschwiegen, und sagte feierlichen Tones: "Schauet, das kann ich, der Größte aller Zauberer Europas!" Seine Faust krampfte sich kurze Zeit über dem linken Auge und schon hielt er den in der hellen Sonne funkelnden Augapfel hoch über aller Häupter empor!

Da war kein Halten mehr! Unter schallendem Gelächter der Weißen schob die ganze Bande, an ihrer Spitze Munyimwua, der große Zauberer der Waschambala, im Laufschritt von dannen. Die Legende von diesen drei gewaltigen Zauberern aus Uleia lebt aber fort unter den Eingeborenen jener Gegend. Der Zufall hatte das "mangelhafte" Trio im afrikanischen Busch zusammengeführt und ihm diesen überwältigenden "Zaubererfolg" gebracht!

Quellennachweis (Kolonie und Heimat im Wort und Bild, 1. Oktober 1909)

 
Aufgaben:
  1. Erkläre das Verhalten der Beteiligten. 

  2. Erkläre an diesem Beispiel, wie Rassismus entsteht und funktioniert.

  3. Ist deiner Meinung nach moderner Wohlstand, beruhend auf Wissenschaft und Technik, mit einer auf Zauber, Hexerei und Geisterglaube basierenden Jäger-, Hirten- oder Ackerbaukultur zu vereinbaren?

  4. War die Absicht der weißen Kolonialherren, den Eingeborenen europäische Kultur zu vermitteln, falsch oder richtig? Ist heutige Entwicklungshilfe damit zu vergleichen?

  5. Gibt es überlegene Kulturen oder pointiert gefragt: Ist Zauber gleichwertig mit Wissenschaft und Technik?


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7.12 Eine "kulturelle Begegnung" in Ozeanien: Umgang mit Menschenfresserei


"Kommandant Erskine vom englischen Kriegsschiff "Savannah" erzählt einen Fall, wo ein englischer Kauffahrer, der mit Sandelholz Handel trieb, mit seiner ganzen Mannschaft einen wilden Volksstamm zur Unterdrückung eines anderen benachbarten Tribus [Stammes) unter der Bedingung unterstützte, dass ihm aus Dankbarkeit für die geleistete Hilfe gewisse Punkte bezeichnet würden, wo das mit Gier gesuchte Sandelholz noch in reicher Quantität [Menge] vorkommt. Ein Gefecht fand statt und eine Anzahl Gefangener wurde an Bord des Kauffahrers geschleppt, wo dieselben während der Überfahrt nach einer sandelholzreichen Insel von ihren Feinden, Anthropophagen [Menschenfressern] der Fudschi- Inseln angesichts der europäischen Schiffsmannschaft förmlich geschlachtet und gegessen wurden!!"


Textquelle
Karl von Scherzer (Ritter von): Reise der oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857 ..., Zweiter Band , S. 190


Aufgaben:
  1. Wie steht der Erzähler zu dem geschilderten Vorgang? Warum wohl? Begründe aus dem Text.

  2. Warum respektierte der Kapitän des Kauffahrers die lokale Sitte der Menschenfresserei?

  3. Hätte der Kapitän sich über die Tradition der Menschenfresserei hinwegsetzen und deren Ausübung verhindern müssen? Begründe deine Ansicht.

  4. Gibt es einen Punkt, von dem ab fremde Sitten nicht mehr respektiert werden können oder dürfen? Wenn ja: Wo liegt er?


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7.13 Bassari in Bild und Wort

Das Bassarivolk gehört zu dem großen Sprachstamm der Gyambavölker, welche im Hinterland von Togo.


Bassari in Bild und Wort
Ein Artikel aus dem Jahr 1904 aus:
Illustrirte Zeitung Nr. 3183, 30. Juni 1904
Gekürzte Fassung

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8. Ägypten wird faktisch britisch



Moschee in Kairo
Genrebild des 19. Jhs.
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Der Gouverneur des seit Muhammad Ali praktisch unabhängig regierten Ägypten, Ismail, bekam 1867 vom Sultan den Titel eines Khedive (Vizekönigs) verliehen, durfte Verträge mit anderen Staaten abschließen und eigene Ausleihen im Ausland aufnehmen. Faktisch war Ägypten souverän, nach außen gehörte es noch zum Osmanischen Reich. 

Wegen der ägyptischen Baumwollproduktion, des viel versprechenden Marktes und mit dem Suezkanal drang ausländisches Kapital ins Land. Zugleich verschuldete sich der ägyptische Staat immer mehr. Gründe waren die Verschwendungssucht des Khedive, Reformen im Bereich von Bildung und Verkehr, ein jährlicher Tribut an den Sultan. 1869 war der Bau des Suezkanals abgeschlossen, aber schon 1875 musste der Khedive seine Aktien weit unter Wert an England verkaufen, das dadurch die Verfügung über den Kanal erhielt, der nun die schnellste Verbindung nach Britisch Indien darstellte.

Wegen des nun folgenden Staatsbankrotts, der auch durch Steuererhöhungen nicht aufzuhalten war, wurde 1876 wie in Istanbul eine internationale Schuldenverwaltung eingerichtet, die die ägyptischen Staatsfinanzen weitgehend kontrollierte. 1878 erzwangen die europäischen Großmächte eine Regierung, in der ein Engländer und ein Franzose die für Wirtschaft und Finanzen wichtigen Ämter übernahmen. 1879 wurde Ismael auf Betreiben der europäischen Mächte wegen finanz- und wirtschaftspolitischen Unvermögens abgesetzt. 

Als Frankreich 1881 Tunesien, einen osmanischen Vasallenstaat, besetzte, reagierte England 1882 mit der militärischen Besetzung Ägyptens (Bombardierung Alexandrias, ägyptische Niederlage bei Tell el Kabir) und der Unterdrückung der national gesinnten Kräfte Ägyptens. Der Nachfolger Ismails als Khedive durfte weiter regieren, auch die Oberhoheit des Sultans wurde anerkannt, aber das Sagen hatte von nun an der englische Konsul. So wird die britische Herrschaft in Ägypten ein weiteres Beispiel für indirekte Herrschaft (informal empire). 

Erst 1922 wird Ägypten selbstständig, erst 1936 ziehen sich britische Truppen aus der Kanalzone zurück, erst 1956 verstaatlich der ägyptische Präsident Nasser den Suezkanal, was prompt ein (erfolgloses) militärisches Eingreifen Englands, Frankreichs und Israels hervorruft (Zweiter Nahost-Krieg: Suez- Invasion 1956). (Nach Josef Matuz: Das Osmanische Reich - Grundlinien seiner Geschichte
, S. 241 f.)

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9 - Informelle Herrschaft über das Osmanenreich

 
9.1 Deutscher militärischer Einfluss im Osmanenreich


Ein Kapitel in der imperialistischen Durchdringung des Osmanischen Reiches besteht in der deutsch- osmanischen "Waffenbrüderschaft". Schon in den 1830er Jahren waren preußische Offiziere unter der Leitung von Helmuth von Moltke - bekannt durch die Deutschen Einigungskriege in den 1860er Jahren - als Militärberater im Reich tätig.  
1883 - 1895 reorganisierte Colmar Freiherr  von der Goltz die osmanische Armee. Die deutsche Firma Krupp übernahm nach der Niederlage im Russisch- Türkischen Krieg 1877/ 78 die Neuausrüstung der osmanischen Armee. Osmanische Elite- Offiziere kamen zur Ausbildung nach Potsdam.

"Als Deutschland am 2. August 1914 Russland den Krieg erklärte, war das Osmanische Reich zu einem Spielfeld deutscher Offiziere geworden, die sich schon lange nicht mehr damit begnügt hatten, nur als Ausbilder zu dienen; sie hatten inzwischen Kommandoposten im osmanischen Heer übernommen." (Bassam Tibi: Kreuzzug und Djihad - Der Islam und die christliche Welt, S. 225)

Im Vorfeld des osmanischen Beitritts zum Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite wurden die deutschen Schiffe "Breslau" und "Goeben" in die Dardanellen entsandt und am 12. August an die Osmanen übergeben. Aber "die Befehlshaber der islamischen Streitkräfte (waren) deutsche Christen, und zwar Admiral Wilhelm Souchon und General von Sanders." (Tibi, S. 226)

(Nach Josef Matuz: Das Osmanische Reich - Grundlinien seiner Geschichte
, S. 219, 247; Tibi S. 225)

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9.2 Die wirtschaftliche Durchdringung des Osmanenreiches durch die europäischen Staaten

 
9.2.1 Die "Kapitulation" von 1839


Die den europäischen Mächten zugestandenen "Kapitulationen" (Kapitelweise abgefasste Verträge) öffneten den osmanischen Markt für europäische, insbesondere englische industriell hergestellte Billigwaren. Die Industrialisierung hatte in England schon im 18. Jahrhundert begonnen. Nun suchte England nach Absatzmärkten und zwang das schwache Osmanische Reich zur wirtschaftsliberalen Öffnung seiner Märkte. Hierzu diente auch die "Kapitulation" von 1839, deren Bestimmungen in der Folge auf fast alle wichtigen europäischen Länder ausgeweitet wurden. 

Inhalt der Kapitulation
a
Ungehinderte Handelstätigkeit britischer Kaufleute im gesamten Osmanischen Reich: Bisheriges osmanisches Binnenhandelsmonopol und Genehmigungspflicht entfallen.
b
Niedriger Warenzoll bzw. niedrige Warenbesteuerung (maximal 5% des Warenwerts)

Folgen
Exportzölle von 12% auf Rohstoffe und Grundnahrungsmittel halten den Abfluss von Rohstoffen und Getreide nicht auf. Das osmanische Handwerk ist nicht mehr wettbewerbsfähig: Rückgang der handwerklichen Produktion. Auch ohnehin rare Manufakturen mussten schließen und Kapital wanderte ins Ausland ab.
(Josef Matuz: Das Osmanische Reich - Grundlinien seiner Geschichte, S. 231 f.)

"Jüdischen und griechischen Handelsherren verblieb nur noch die Rolle von Kompradoren, d.h. Vermittlern zwischen dem inländischen osmanischen Markt und dem ausländischen Kapital." "Der halbkoloniale Status des reiches als Absatzmarkt und Rohstoffquelle wurde auf diese Weise vollends besiegelt."
(Beide Zitate bei Josef Matuz: Das Osmanische Reich - Grundlinien seiner Geschichte, S. 232)

Im Laufe der Zeit durften europäische Botschaften und Konsulate sogar eigene Postämter auf dem Boden des Osmanischen Reiches unterhalten!

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9.2.2 Der Staatsbankrott von 1875 und ausländische Staatsschuldenverwaltung


Ursachen des osmanischen Staatsbankrotts waren die Verschwendungssucht der Sultane Abdulmecit (1839 - 1861) und Abdülaziz (1861 - 1876,  wegen Verschwendung gestürzt), die ständigen Kriege sowie die Modernisierung der Armee, Finanzmanipulationen und Vergeudung von Auslandsanleihen. "In der ersten Hälfte der 70er Jahre hatte der osmanische Fiskus rund 80% der Gesamteinnahmen des Staates für die Tilgung der Auslandsanleihen und die Zinszahlungen zu verwenden. erschwerend fiel noch ins Gewicht, dass der osmanische Staat über keinen Haushaltsplan verfügte." So kam es 1875 zum Bankrott. (Nach Josef Matuz: Das Osmanische Reich - Grundlinien seiner Geschichte
, S. 246)

1881 wurde dann eine internationale osmanische Staatsschuldenverwaltung unter Führung englischer und französischer Finanzkreise eingeführt. Stempelrecht, Steuer auf Spiritus und Seide, Fischereiabgaben, Salz- und Tabakmonopol  musste das Reich an diese Einrichtung abtreten. Auf diese Weise wurde das Finanzwesen saniert, ohne dass die Schulden ganz getilgt worden wären.. Aber weitere Anleihen und Steuerbegünstigungen verstärkten die völlige Abhängigkeit des Reiches vom europäischen Finanzkapital. Das Osmanenreich war faktisch Halbkolonie europäischer Mächte, die dort miteinander um Einfluss konkurrierten. (Nach Josef Matuz: Das Osmanische Reich - Grundlinien seiner Geschichte, S. 246f.)

Zur wirtschaftlichen Durchdringung des Osmanenreiches gehört auch die Bagdadbahn, siehe oben. 

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9.2.3 Territoriale Verluste des Osmanenreiches seit 1815


Zwischen 1815 (Wiener Kongress) und 1914 (Beginn des ersten weltkriegs) erlitt die Türkei massive Gebietsverluste an die europäischen Kolonialmächte Frankreich, England und Italien sowie, im europäischen Teil - an die neuen Nationalbewegungen auf dem Balkan. Dass das Osmanenreich schon im 19. Jahrhundert nicht vollständig aufgelöst wurde, erklärt sich nur daraus, dass die Europäer untereinander nicht über die Beute einig waren und dass insbesondere Großbritannien, aber auch andere die Türkei als Gegengewicht gegen Ruslland brauchten, v.a. auch gegen dessen Bestrebungen, sich an den Meerengen (Dardanellen, Bosporus) festzusetzen.

Nach 1918, dem Ende des ersten Weltkriegs, teilten sich Frankreich und England die Konkursmasse des Osmanenreiches im Nahen Osten auf.


Mehr: Reformsultane und Ende des Osmanenreiches

Aufgaben:
  1.  
    Aufstieg und Fall des Osmanischen Reiches - Ottoman Empire 1300 - 1922
    Interaktive Karte
    Encyclopaedia of the Orient
    lexicorient.com

    Rufe die Karte auf und notiere die einzelnen territorialen Verluste des Osmanenreiches bis 1941.

  2. Weshalb wollte insbesondere Großbritannien eine russische Kontrolle der Meerengen (Dardanellen, Bosporus) vermeiden? Worin lag die strategische Bedeutung der Meerengen?


  3. The Middle East in 1939
    Le Monde diplomatique
    mondediplo.com

    Rufe die Karte auf. Welche vorher osmanischen Gebiete werden nach dem Ersten Weltkrieg französisch bzw. britisch?


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Illustrirte Zeitung Nr. 3107, 
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