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Weltkrieg / Julikrise
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Die
roten Passagen in der
Chronologie unten geben
unterschiedliche Ansichten darüber wieder, wie die einzelnen Handlungen
zu deuten sind und wollen zur Diskussion anregen. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten die deutschen
Historiker, die deutsche Alleinschuld am Krieg (These
1) zu widerlegen.
Nach dem
Zweiten Weltkrieg, nach dem Beginn der deutsch- französischen
Freundschaft unter Adenauer und de Gaulle, wurde mehrheitlich die Meinung
vertreten, alle Regierungen seien in den Krieg
„hineingeschlittert“, kein Land habe den Krieg gewollt (These
2).
In den 1960er
Jahren gab es Streit über die Ansichten des deutschen Historikers Fritz
Fischer. Dieser behauptete, die deutsche Führung habe einen Krieg bewusst
herbeiführen wollen. „Das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914
sei für die deutsche Reichsleitung der willkommene Anlass zur
Verwirklichung ihrer weitreichenden Ziele gewesen. Berlin habe Wien zur
schnellen Kriegserklärung gegen Serbien geradezu gedrängt und –
entgegen den offiziellen Erklärungen – eine friedliche Beilegung oder
wenigstens Eindämmung des Konflikts systematisch verhindert. Dabei sei
das Reich von allen europäischen Großmächten noch am ehesten in der
Position gewesen, eine effektive Deeskalation zu erreichen.“
(Wikipedia) (These 3).
Einigkeit
in der Deutung besteht bis heute nicht.

Fischer- Kontroverse
Der Artikel unterstützt unterschwellig Fischer
de.wikipedia.org
Die Juli- Krise 1914 - eine kommentierte Chronologie
| 28. 06. |
Ermordung des österreichisch- ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin in Sarajewo durch den serbischen Terroristen Princip. Das von Russland unterstützte Serbien betrieb vor dem ersten Weltkrieg eine gegen Österreich gerichtete großserbische Politik, die auf den Anschluss der slawischen Teile der Donaumonarchie an Serbien zielte. Schon die erste Untersuchung ergab die Mitwisserschaft und Mitwirkung serbischer Offiziere und Beamten.
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| 06. 07. |
Deutschland sichert Österreich- Ungarn seine volle Unterstützung für eine Aktion gegen Serbien zu: sogenannte
„Blankovollmacht“; „Nibelungentreue“. Diese Zusicherung geschah auch öffentlich.
Warum bremst Deutschland Österreich- Ungarn nicht? Warum nimmt Deutschland keinen Einfluss auf Inhalt und Form des Ultimatums an Serbien? Will es bei allgemeiner Unterstützung seines letzten zuverlässigen Bundesgenossen seine Handlungsfreiheit bewahren, um noch von Österreich unabhängig handeln und auf dieses gegebenenfalls Druck ausüben zu können? Begründet die „Blankovollmacht“ eine starke Mitschuld Deutschlands am Kriege?
Wollte
Deutschland den Krieg? Welche eventuellen deutschen Motive für
einen Krieg sollte es dann gegeben haben? Besser jetzt als später
zu kämpfen, wegen der wachsenden militärischen Übermacht der
Entente? Oder hegte Deutschland die Hoffnung, Russland sei nicht
kriegsbereit?
Oder wollte Deutschland durch seine demonstrative Unterstützung Österreich-
Ungarns Russland davon abhalten, in den Konflikt einzugreifen und
Serbien womöglich militärisch zu unterstützen?
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| 23. 07. |
Österreichisches
Ultimatum an Serbien in bewusst schroffer Form und inhaltlich
bewusst unannehmbar.
Österreich
will Krieg mit Serbien, macht aber klar, dass es weder territoriale
Ziele anstrebe noch die Souveränität Serbiens einschränken wolle.
Österreichs Kriegsziel: Bestrafung der Schuldigen am Attentat
auf den Kronprinzen; Schwächung Serbiens; Unterbindung der großserbischen
Propaganda.
War
das alles nur möglich wegen des deutschen Blankoschecks?
Es
kommt jetzt darauf an, ob Russland Serbien militärisch unterstützt
oder ob die Krise lokalisiert werden kann.
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| 24. 07. |
Der
russische Außenminister teilt Serbien mit, dass Russland auf
keinen Fall aggressive Handlungen Österreich- Ungarns gegen Serbien
zulassen werde.
Entspricht
diese Handlungsweise der Blankovollmacht Deutschlands gegenüber Österreich-
Ungarn, nur dass es jetzt um das Verhältnis von Russland zu serbien
geht?
England fordert Russland,
Frankreich, Deutschland und Italien zur Vermittlung auf.
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| 25. 07. |
Serbiens
Antwort auf das Ultimatum. Die österreichischen Bedingungen
werden nur teilweise angenommen. Serbische Teilmobilmachung
Der russische Außenminister Sasonow
erklärt dem englischen Botschafter: "Wenn
Russland der Hilfe Frankreichs sicher ist, wird es alle Risiken des
Krieges auf sich nehmen". (engl. Blaubuch Nr. 17). (
203)
Zu diesem Zeitpunkt ist sich Russland der
Unterstützung Frankreichs noch nicht ganz sicher.
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| 26. 07. |
Deutschland
droht Russland mit Mobilmachung, falls dieses vorbereitende
militärische Maßnahmen ergreife.
Handelt
es sich um einen Versuch, durch Druck auf Russland die Krise zu
lokalisieren?
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| 28. 07. |
Österreich-
Ungarn erklärt Serbien den Krieg. Russische Teilmobilmachung
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| 29. 07. |
In einer Unterhaltung
Sir Edward Greys mit dem französischen Botschafter am Vormittag des
29. Juli eröffnete dieser dem französischen Botschafter
Cambon: Er habe die Absicht, dem deutschen Botschafter zu sagen,
dass er sich durch den freundschaftlichen Ton der bisherigen
Unterhaltung nicht irreführen lassen dürfe zu irgendeinem Gefühl
falscher Sicherheit, dass England beiseite stehen werde, wenn alle
Anstrengungen, den Frieden zu erhalten, die England jetzt in
Gemeinschaft mit Deutschland mache, scheitern sollten. (
202)
Am gleichen
Abend bedankt sich die russische Regierung bei der französischen für
deren unbedingte Waffenhilfe. (203)
Der
französische Botschafter muss glauben, England werde an der Seite
Frankreichs in den Krieg eintreten. Begründet dieses Verhalten
Englands eine englische Mitschuld am Krieg?
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28.
07. bis
30. 07. |
Deutschland
übt auf Österreich Druck aus, direkte Gespräche mit Petersburg
aufzunehmen.
Aus einem Telegramm des
Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Wien, siehe unten
Mat. 1:
Versucht Deutschland seinen Bundesgenossen
doch noch zu bremsen, um im letzten Augenblick den Krieg noch zu
lokalisieren und einen Weltkrieg zu verhindern, oder ist es Taktik,
um Russland die Schuld an einem kommenden großen Krieg zuschieben
zu können?
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| 30.
07. |
Russische
Gesamtmobilmachung. Die Rücknahme des Mobilisierungsbefehls
durch den Zaren wird von dessen Außenminister und Generalstabschef,
die der Kriegspartei in Russland angehören, ignoriert.
Der russische Zar befiehlt die Rücknahme der Mobilmachung, wird
aber übergangen, siehe unten
Mat. 2
Alleinschuld
Deutschlands?
Die
Lokalisierung des Konflikts ist gescheitert, ein Aufhalten der
Katastrophe eines Weltenbrandes wegen der Bündnisse und militärischen
Erfordernisse ist kaum mehr möglich, außer England würde noch
abseits stehen bleiben, was Frankreich und Russland bremsen würde.
Die
russische Mobilmachung setzt Deutschland unter wachsenden Druck,
wegen des Schlieffenplans schnell zu mobilisieren.
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| 31. 07. |
Gespräch
zwischen dem englischen Außenminister, Sir Edward Grey, und dem
deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky: Falls
Deutschland die belgische Neutralität achtet, will sich England
dennoch seinerseits nicht zur Neutralität verpflichten.
Aus einem
Gespräch zwischen dem englischen Außenminister, Sir Edward Grey,
und dem deutschen Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, siehe
unten
Mat. 3
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| 01. 08. |
16:55 Uhr
Französische Mobilmachung
17:00 Deutsche Mobilmachung
19:00 Deutsche Kriegserklärung an Russland Mobilmachung der
englischen Flotte
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| 02. 08. |
Deutscher
Einmarsch ins neutrale Luxemburg
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| 03. 08. |
Deutsche
Kriegserklärung an Frankreich.
Deutscher Einmarsch in das neutrale Belgien.
Neutralitätserklärung Italiens
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| 04. 08. |
Englische
Kriegserklärung an Deutschland wegen der Verletzung der Neutralität
Belgiens
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11. 08. bis
12. 08. |
Kriegserklärung
Frankreichs und Englands an Österreich- Ungarn |
Aufgabe:
Diskutiere die
oben
einleitend genannten 3 Thesen.
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Quellen
Mat. 1
Aus einem Telegramm des
Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Wien:
„Falls die österreichisch-ungarische
Regierung jede Vermittlung ablehnt, stehen wir vor einer Konflagration,
bei der England gegen uns, Italien und Rumänien allen Anzeichen nach
nicht mit uns gehen würden, so dass wir mit Österreich-Ungarn drei Großmächten
gegenüberständen. Deutschland würde infolge der Gegnerschaft Englands
das Hauptgewicht des Kampfes zufallen. Das politische Prestige Österreich-Ungarns,
die Waffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprüche gegen
Serbien könnten durch die Besetzung Belgrads oder anderer Plätze
hinreichend gewahrt werden (das entsprach dem Vorschlag Greys). Wir müssen
daher dem Wiener Kabinett dringend und nachdrücklich zur Erwägung
stellen, die Vermittlung zu den angebotenen Bedingungen anzunehmen. Die
Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen wäre für Österreich-
Ungarn und uns eine ungemein schwere." (
205)

Zurück zum 28.07.1914
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Mat. 2
Der russische Zar befiehlt die
Rücknahme der Mobilmachung, wird aber übergangen
"Wir wissen heute, dass der Zar
am 30. Juli den Mobilmachungsbefehl bereits unterzeichnet hatte und dass
am Nachmittag des 30. Juli die Generalmobilmachung in vollen Gang gesetzt
wurde ; dass am Abend des 30. Juli der Zar, stark beeindruckt durch die
inzwischen eingegangenen Nachrichten, insbesondere das Telegramm des
Deutschen Kaisers von 1 Uhr nachmittags, in dem dieser den Zaren nochmals
eindringlich auf „die Gefahren und schweren Konsequenzen einer
Mobilisation" hinwies, seinem Generalstabschef Januschkewitsch und
seinem Kriegsminister Suchomlinow telephonisch den Befehl zur Einstellung
der Mobilisation gab; dass Suchomlinow dem General Januschkewitsch auf
dessen Frage, was er auf diesen Befehl des Zaren veranlassen solle, die
klassische Antwort gab: „Tun Sie nichts!"; dass der
Mobilmachungsbefehl noch in der Nacht amtlich veröffentlicht wurde,
und dass dem Zaren am nächsten Tag, wie Suchomlinow sagte, „eine
andere Überzeugung beigebracht wurde"." (
209)
[Helfferich bezieht sich hier auf Aussagen im Suchomlinow- Prozess. Der russ. Gen. Wladimir Alexejewitsch Suchomlinow, von 1909 bis 1915 russ. Kriegsminister, wurde während eines Landesverratsprozesses 1917 u. a. beschuldigt, ohne höhere Weisung 1914 die allgemeine Mobilmachung angeordnet zu haben.
Cu]

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Mat.
3
„Ferner warf Sir Edward Grey jetzt, am 31. Juli [...] die Frage der
belgischen Neutralität auf. Der deutsche Botschafter in London stellte
zunächst die Gegenfrage, ob im Falle einer Verpflichtung Deutschlands zur
Achtung der belgischen Neutralität England sich seinerseits zur Neutralität
verpflichten wolle. Grey antwortete gewunden, aber doch mit dem Schlußergebnis,
dass England allein auf Grund dieser Bedingung seine Neutralität nicht
zusagen könne.
Darauf
stellte Fürst Lichnowsky die dringende Frage, ob Grey nicht die
Bedingungen formulieren könne, unter denen England zur Neutralität
bereit sei; seinerseits bot er die Garantie der Integrität Frankreichs
und seiner Kolonien an. Ja, die deutsche Regierung ging noch weiter: sie
erklärte, dass die deutsche Flotte, solange England sich neutral
verhalte, die Nordküste Frankreichs nicht angreifen und im Falle der
Gegenseitigkeit, keine feindlichen Operationen gegen die französische
Handelsschiffahrt vornehmen werde.
Aber
Sir Edward Grey hatte auf alles nur die Antwort: Er müsse endgültig
jedes Neutralitätsversprechen auf Grund solcher Bedingungen ablehnen und
könne nur sagen, dass England seine Hände frei zu halten wünsche (englisches Blaubuch Nr. 123)."
(
213f.)

Zurück zum 31.07.1914
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Mat.
4
Schon im Dezember 1914 schrieb der „Spectator":
„Wenn
Deutschland beschlossen hätte, zu versuchen, auf dem direkten Weg statt
auf dem Weg über Belgien in Frankreich einzudringen, so hätten wir
trotzdem unter einer tiefen Verpflichtung gestanden, Frankreich und
Russland zu helfen . . . Alle unsere Abmachungen mit Frankreich — unsere
Sanktion der Linie seiner Politik, unsere militärischen
„Konversationen" mit seinem Stab, unsere endgültige Assoziation
mit seinen Handlungen draußen — hatten uns seine Sache anvertraut, so
klar wie wenn wir eine bindende Allianz mit Frankreich abgeschlossen hätten.
Und was wahr ist für unser Einvernehmen mit Frankreich, ist kaum weniger
wahr für unser Einvernehmen mit Russland." (
223)
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Mat.
5
Ein Leitartikel der ,,Times" vom 19. März 1915 bekannte,
dass
England durch seine Ehre und sein Interesse gezwungen worden wäre, an
Frankreichs und Russlands Seite zu treten, auch wenn Deutschland die
Rechte seines kleinen Nachbars gewissenhaft geachtet und sich den Weg nach
Frankreich hinein durch die französischen Ostfestungen gebahnt hätte".
— Der Artikel fährt fort: „Weshalb verbürgten wir uns für die
Neutralität Belgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes des
Selbstinteresses, aus dem wir von jeher verhinderten, dass eine Großmacht
sich unserer Ostküste gegenüber festsetzte, wegen des Grundes, der uns
bewog, die Niederlande gegen Spanien und gegen das Frankreich der
Bourbonen und Napoleons zu verteidigen . . . Wir spielen nicht den
internationalen Don Quichotte, der zu jeder Zeit jedes Unrecht bekämpft,
auch wenn es ihm keinen Schaden zufügt. Herr von Bethmann hat ganz recht,
selbst wenn Deutschland nicht in Belgien eingefallen wäre, hätten Ehre
und Interesse uns an Frankreich gebunden . . . Wir kehrten zu unserer
traditionellen Politik des Gleichgewichts zurück, aus demselben Grund,
aus dem unsere Ahnen sie angenommen hatten. Gefühlsgründe gab es weder für
unsere Väter, noch gibt es sie für uns. Es handelt sich um in sich
selbst begründete, um selbstische Gründe . . für England und seinen
Herrschaftskreis kämpfen und bluten seine Söhne." (
223f.)
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Karl Helfferich,
Der Weltkrieg, Band I: Die Vorgeschichte des Weltkrieges
Berlin 1919
Das Buch versucht die im Versailler Vertrag festgeschriebene Behauptung von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg zu widerlegen.
PDF- Datei 10 MB
stahlgewitter.wordpress.com

Biografie Karl Helfferichs
dhm.de |
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