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Ein Artikel aus dem Jahr 1904 aus:
Illustrirte Zeitung Nr.
3183, 30. Juni 1904
1 - Volk und Wohnsitz
Das Bassarivolk gehört zu dem großen Sprachstamm der Gyambavölker,
welche im Hinterland von Togo (vgl.
Kartenraum) zwischen dem 9. und 10. Grad
nördlicher Breite ihre Wohnsitze haben. Es ist das Gebiet, wo früher die
Sklavenjagden stattfanden. Das ganze Land ist eine wellige
Hügellandschaft, um dessen Hauptgebirgsstock, den Bassariberg, der
ungefähr eine deutsche Meile lang und 700 m hoch ist, die großen
Ortschaften mit der Königsstadt
Kore
liegen. So schroff und bizarr, wie die Felsen des Gebirges hervorragen, so
rau sind auch die Bewohner des Landes. Durch ihre beständigen Räubereien
und Fehden waren sie weit und breit gefürchtet, so dass ihr Gebiet bis
zur neuesten Zeit von der mohammedanischen wie von der europäischen
Kultur unberührt geblieben ist. Es sind die echten Buschneger, die weder
von der Weberei noch von der Gerberei Kenntnis besitzen.
Zum Vergleich:

Die Kreuzung Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße (um 1900)
germanhistorydocs.ghi-dc.org
2 - Kleidung
Ihre hauptsächliche Kleidung besteht aus getrockneten Fellen. Die Großen
und Notabeln des Landes tragen große Rinds- oder Leopardenfelle, die, um
den Hals befestigt, einfach vorn herunterhängen. Die jungen Männer und
die Sklaven sind mit kleinen Schurzfellen bekleidet; diese werden zwischen
den Beinen durchgezogen und bedecken nur notdürftig die Scham. (Vgl.
rechts das Bild Gruppe von jungen Männern der
Bassari)
Die Frauen dagegen bekommen als Aussteuer bei der Hochzeit von ihrem
Gatten Tücher, die von den Mohammedanern in den Temulandschaften gewebt
und von den
Haussa
auf den Märkten in Bassari feilgeboten werden. Die weißen, von den
Bassarifrauen rot gefärbten Tücher werden um die Lenden geschlagen und
reichen bis zu den Knien (Vgl. die Frau auf dem Bild vor der
Häuptlingshütte).
Die heiratsfähigen jungen Mädchen (vgl. das Bild
Fünfzehnjähriges Mädchen) dagegen tragen außer
einem Schmuck von Messingringen und Tätowierungen nur eine kleine
handbreite Frauenschürze aus Baumwollschnüren, die an einer mit
geschliffenen Palmenkernen oder weißen Muscheln besetzten Hüftschnur
vorn herunterhängt. In den Ohrläppchen werden von den reichen Schönen
noch zuweilen längliche Perlen als Pflock getragen, während die ärmeren
einen Grashalm oder ein rot gefärbtes Stück Hirsemark verwenden. Bei
besonders feierlichen Gelegenheiten bemalen die jungen Mädchen ihren
Körper mit roter Erdfarbe. Trotz dieser primitiven Kleidung begegnen sie
ihren Freiern mit Anmut und Koketterie.
Zum Vergleich:

Bürgerliche Familie beim Wandern durch den Harz (um 1900)
germanhistorydocs.ghi-dc.org
3 - Heirat
Infolge der Sitte, die Kinder drei Jahre an der Mutterbrust zu säugen,
hat ein wohlhabender mann meist drei Frauen. Schon für die Kinder wird
häufig von befreundeten eltern, die sich untereinander verständigen, der
Bund fürs Leben geschlossen. Herangewachsen, arbeitet dann der
betreffende Knabe für seine zukünftige Braut und gibt die Ersparnisse
seinen Schwiegereltern. Mit fünzehn bis sechzehn Jahren heiratet in der
Regel das Mädchen den für sie ausersehenen Bräutigam.
Meist jedoch sucht sich der junge Bassarimann seine Gattin selbst und muss
den Eltern der Braut ein Hochzeitsgeschenk geben, das in einer Kuh oder
mehreren Schafen und 15.000 Kauris besteht. (Kauris sind die Gehäuse der
Porzellanschnecke [
Cypraea
Moneta]. Seit alter Zeit dienen sie in Indien und Afrika als Schmuck-
und Tauschartikel, in vielen Landschaften des letzteren auch als
Scheidemünze. [...]
Obwohl zur Zeit meiner Anwesenheit in Bassari der Kaufpreis einer Sklavin
höher war als das Hochzeitsgeschenk für die Schönen des eigenen Landes,
so sollen sich doch die jungen Bassarimänner, bei dem herrschenden Mangel
an heiratsfähigen Töchtern des eigenen Landes, häufig Mädchen aus dem
benachbarten Kabregebiet mit einem Lösegeld von 60.000 bis 70.000 Kauris,
nach dem damaligen Kurs ungefähr 60 bis 70 Mark, zu ihren Frauen erkoren
haben.
4 - Wohnen
Das junge Paar baut nun an das Gehöft (siehe Bild
Das Innere eines Gehöftes) seiner Familie eine
eigene Wohnung, die aus runden Lehmhütten (siehe auch Bild
Häuptlingshütte) besteht. Diese sind
durch Mauern verbunden und bilden so ein kleines abgeschlossenes Gehöft
für sich. Durch einen Eingang in der Mauer oder durch die Hütte steht
dieses mit den anderen Gehöften der Verwandten in Verbindung. Ein
derartiges Familiendorf wird häufig durch eine umlaufenden Mauer
abgeschlossen, und nur eine einzige Öffnung führt durch eine Hütte, die
sog. Vorhalle, in dieses Hüttenlabyrinth.
Zum Vergleich:

Salon der Gründerzeit (um 1905)
germanhistorydocs.ghi-dc.org

Bäuerliche Familie beim Mittagsmahl (1912)
germanhistorydocs.ghi-dc.org
5 - Wirtschaft
Die Hauptbeschäftigung der Bassarileute ist Ackerbau sowie Jagd und
Fischfang. Bei letzterem wurden die Fische durch Gift betäubt. Zu diesem
Zwecke pflanzen sie in ihren Farmen einen Strauch an, dessen Blätter
zerstampft und in den Fluss geworfen werden.
Die hauptsächlichsten Kulturpflanzen sind
Yams,
Hirse, Guineakorn, Erdnüsse, Bohnen, Baumwolle und Tabak. Von den
Haustieren werden Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe gezüchtet. Doch
sind es meistens
Fulbe,
welche die Aufzucht und Pflege des Viehes besorgen.
Von Gewerben werden in Bassari Schnitzereien und Flechtarbeiten sowie die
Töpferei ausgeübt, die letztere, wie in ganz Togo, ohne Drehscheibe. Vor
allem aber steht die Eisenproduktion in hoher Blüte. Die Erze, Braun-,
Rot- und Magneteisenstein, werden in den Bergen gewonnen und in Lehmöfen
mittels Holzkohle reduziert. Unter den wuchtigen Schlägen der
Bassarischmiedemeister, die ihre rohen Steinhämmer geschickt handhaben,
entstehen die kunstvoll gearbeiteten Pfeilspitzen und Speere mit den
scharfen Widerhaken, die beim Gebrauch vergiftet werden und von den
Gegnern sehr gefürchtet sind. Außerdem werden die im Hinterland
allgemein verbreiteten Hacken zur Bearbeitung des Bodens, runde
Eisenplatten von etwa 20 cm Durchmesser, hergestellt, die ein
Hauptausfuhrartikel sind.
Zum Vergleich:

AEG in Berlin um 1900
germanhistorydocs.ghi-dc.org

Das Warenhaus Wertheim in Berlin (um 1906)
germanhistorydocs.ghi-dc.org
6 - Medizinwesen
Eine besondere Kaste bilden die Ärzte, die, wie mir mein Gewährsmann
Napui erklärte, weitgereiste Leute sein müssen. Außer ihren Mitteln
gegen Pfeilgift und anderen Wundersalben ist ihre Hauptbeschäftigung das
Schröpfen (siehe Bild
Das Setzen von Schröpfköpfen). Zu diesem
Zwecke machen sie in der Form eines Kreuzes mehrere Einschnitte auf dem
rücken des Patienten, bedecken diese mit einem Kuhhorn, an dessen Spitze
sich ein Loch befindet, und saugen das Blut an. Auf diese Weise entsteht
ein luftleerer Raum; die Öffnung wird darauf mit Wachs und Baumwolle
verklebt.
Zum Vergleich:

Cholera-Epidemie in Hamburg (1892)
germanhistorydocs.ghi-dc.org

Sanatorium im Harz (1907)
germanhistorydocs.ghi-dc.org
7 - Regierungsform
Was die Regierungsform betrifft, so steht an der Spitze des Volkes ein
König und ihm zur Seite der Rat der Alten (siehe Bild
König Tagba mit seinem Hofstaat). Diesen
bilden die Familienoberhäupter, die Häuptlinge der einzelnen
Ortschaften. Aus den Familienhäuptern setzt sich der Gemeinderat
zusammen, der bei Streitigkeiten die erste Instanz ist, während der
König mit dem Rat der Alten die zweite und letzte Instanz bildet. Für
eine Gerichtssitzung erhält der König 6.000 bis 20.000 Kauris. (Vgl.
auch rechts das Bild Königstrommler)
Bei den Gottesurteilen, die häufig durch Gifttrank entschieden werden,
besonders aber bei dem Tode des Königs spielt der Fetischprister eine
große Rolle, da dieser nach dem Willen des höchsten Gottes
"Unombotte" den neuen König aus der Königsfamilie proklamiert.
Unter Vorantritt der aus Trommlern und Bläsern bestehenden Hofkapelle,
die auf mächtigen Elefantenhörnern einen furchtbaren Lärm vollführt,
wird der König in seine Residenzstadt Kore geleitet. Bei diesen
feierlichen Gelegenheiten kreist die
Kalabasse
mit Hirsebier, dem Nationalgetränk der Bassarileute. Während die Jugend
sich mit Tanz belustigt, sitzt der Bassaripapa bei einem flotten Jeu
(Spiel) um Kaurimuscheln.
Zum Vergleich:

Das Kaiserpaar (25. Januar 1906)
germanhistorydocs.ghi-dc.org

Der Reichstag in Berlin
dw-world.de
8 - Strafen und Erbrecht
So rau, wie dieses Buschvolk ist, so grausam sind auch desen
Strafbestimmungen. Hat z.B. der Beschuldigte beim Gottesurteil das
Unglück, das Gift, das ihm durch den Fetischpriester (Fetisch: Gegenstand religiöser oder abergläubischer Verehrung, dem mythische Kräfte zugesprochen werden)
gereicht wird, bei
sich zu behalten, so wird er als schuldig befunden und unbarmherzig mit
Keulen niedergeschlagen. Während der Verkehr unter den jungen Leuten
ziemlich frei ist, wird der Ehebruch sehr hart bestraft. Schuldner werden
meistin die Sklaverei verkauft.
Barbarisch ist auch die Sitte, bei Zwillingsgeburten, welche als böses
Omen gelten, das schwächere von beiden Kindern lebendig zu
begraben.
Bei einem Todesfall werden die Familienoberhäupter im Gehöft, die
Kinder, Frauen und Sklaven dagegen im Busch beerdigt. Das Recht, Schuldner
zu begraben, hat nur derjenige, der für die Schulden des Verstorbenen
eintritt, da mit der Beerdigung die Schulden übernommen werden. In der
Regel werden deshalb die Schuldner nicht begraben, sondern an einen Baum
im Busch ausgesetzt. Tritt dann ein Gläubiger mit seiner Forderung an die
Familie heran, so wird er in den Busch gewiesen. Auch übernehmen die
Erben des Schuldners, falls sie das Erbe antreten, die Verpflichtungen des
Erblassers den Gläubigern gegenüber. Die legitimen Erben sind die
Kinder, die gewöhnlich den beweglichen Nachlass, Vieh, Ackergeräte;
Waffen und die Hütten sowie die Ernte auf dem Felde erben, während das
Land selbst Eigentum der Gemeinde bleibt.
Der älteste Sohn eines freien Bassarimannes wird nach dem Tode des Vaters
Familienoberhaupt und hat somit Sitz und Stimme im Gemeinderat. Leben
keine Verwandten des Verstorbenen mehr, so erben die Sklaven den Nachlass
ihres Herrn; sie werden jedoch nicht in den Gemeinderat aufgenommen, da
Ehrenämter in der Kommune nur freie Bassarimänner erhalten können.
9 - Deutsche Kulturarbeit
Trotz der barbarischen Sitten, welche diesem Volke bei seiner
Abgeschlossenheit eigen sind, ist dieses doch keineswegs unzugänglich
für eine nähere Berührung. Hoffentlich gelingt es der deutschen
Kulturarbeit, zum Wohle der Kolonie unter den Bassari segensreiche Erfolge
zu erzielen.
W. Klose
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Aufgabenvorschläge
zum Artikel über die Bassari
- Gehe
nach oben in den
Kartenraum und zeige, wo die deutsche
Kolonie Togo lag. Suche in der Google-Map nach Bassari.
Arbeitsblatt Kultur der Bassari - Kultur der Europäer
Lade das Arbeitsblatt herunter und fülle die Spalte
"Bassari" mit Hilfe der
Textabschnitte 1 - 8 (Bassari) aus. Es
kommt darauf an, dass nur wenige zentrale Vergleichspunkte aus
den Textabschnitten ausgewählt werden.
Wie musste die Kultur der Bassari auf Europäer wirken?
- Auf
welcher Stufe der europäischen Kultur würdest du die Bassari
einordnen: Altsteinzeit? Jungsteinzeit? Eisenzeit? Hochkultur
(z.B. Griechen oder Römer)? Moderne Industriegesellschaft?
- Sind
deiner Meinung nach alle Kulturen gleichwertig oder gibt es
überlegene und unterlegene Kulturen? Wie dürften deiner
Meinung nach die Bassari diese Frage gesehen haben? Beziehe dich
in deiner Argumentation auf das Beispiel der Bassari im obigen
Artikel.
- "Hoffentlich
gelingt es der deutschen Kulturarbeit, zum Wohle der Kolonie
unter den Bassari segensreiche Erfolge zu erzielen." (W.
Klose)
Rufe den Link
Fremdsprache Deutsch in Togo
auf und rufe S.
33 unten den Abschnitt 2.2. "Erziehung und Bildung in Togo in der Kolonialzeit".
Beantworte die folgenden Fragen:
Welche Ziele verfolgt die Schulpolitik in Togo?
Wie werden diese im Text bewertet? Begründe aus dem Text.
Stimmst dieser Wertung durch den Verfasser des Textes zu?
- Hätte gar Deiner Meinung
nach:
- gar nicht missioniert
werden dürfen?
- anders missioniert
werden sollen?
- War
Kolonialpolitik Deiner Meinung ein pures Verbrechen oder brachte
es auch Vorteile für die Kolonisierten? Wie ist Kolonialismus
deiner Meinung nach zu beurteilen?
- Setze
dich, wenn du Aufgabe 1 erledigt hast, mit der Behauptung
auseinander, der Rassismus sei eine Folge des Kolonialismus
gewesen.
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Fünfzehnjähriges Bassari- Mädchen
441
Pixel

Gruppe von jungen Männern der Bassari
1031
Pixel

Zwanzigjähriger Bassari- Mann
438
Pixel

Das Innere eines Gehöftes der Bassari
1002
Pixel

Das Setzen von Schröpfköpfen
1014
Pixel

Häuptlingshütte der Bassari mit hoher Dachspitze
1034
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Aus dem Bassariland: König Tagba mit seinem Hofstaat. Nach einer
photographischen Aufnahme
1001
Pixel

Der Königstrommler
438
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